Mycoplasma spp. ist eine Gruppe minimalistisch ausgestatteter, zellwandloser Bakterien der Klasse Mollicutes. Sie gehören zu den kleinsten, selbstreplizierenden Organismen.
Mykoplasmen sind fakultativ oder strikt parasitär und leben extrazellulär, interagieren jedoch durch Toxinfreisetzung stark mit den umliegenden Wirtszellen. Sie besiedeln eine Vielzahl von Wirten, einschließlich Menschen, Tiere und Pflanzen. Zu den typischen, durch sie verursachten Erkrankungen gehören die atypische Pneumonie (Mp. pneumoniae), urogenitale Infektionen (Mp. genitalium, Mp. hominis) und chronische Entzündungen. Pathogenitätsfaktoren umfassen Adhäsine, Toxine wie das CARDS-Toxin, sowie die Produktion reaktiver Sauerstoffspezies.
Als zelluläre Besonderheiten weisen sie ein kleines Genom auf und sind dadurch von großem Interesse für die synthetische Biologie. Das Fehlen einer Zellwand macht sie resistent gegenüber Antibiotika der Beta-Lactam-Klasse. Die antibiotische Behandlung erfolgt mit Makrolid-Antibiotika, Tetracyclinen oder Fluorchinolonen.
Merke
Merkhilfe zu Mycoplasma spp.
Merkhilfe zu Mycoplasma spp.
In unserer Merkhilfe zu den Erregern mit atypischem Gramverhalten:
“Rick und Claus mögen Münzen aus Blei und Plastik”, stehen:
Die Plastikmünzen für die “Mycoplasmen”, dabei steht:
Die Münzefür die Vorsilbe “Myco-”
Das Plastik für die Plasmen
Klasse: Mollicutes
Ordnung: Mycoplasmatales
Familie: Mycoplasmataceae
Gattung: Mycoplasma
Spezies: Wichtige humanpathogene Vertreter:
Mycoplasma pneumoniae: Verursacht atypische Lungenentzündungen beim Menschen
Mycoplasma genitalium: Verursacht Infektionen im Urogenitaltrakt und ist eine der Ursachen für sexuell übertragbare Erkrankungen
Mycoplasma hominis: Ebenfalls mit urogenitalen Infektionen assoziiert, kann auch opportunistische Infektionen bei immungeschwächten Personen verursachen
Info
Abkürzung “Mp.”
“Mycoplasma” wird im Weiteren mit “Mp.” abgekürzt. Dies dient der Unterscheidung von “Mb.” für “Mycobacterium”, da es einige namensgleiche Erreger, z.B. Mycoplasma bovis und Mycobacterium bovis in beiden Gattungen gibt.
Info
Mycoplasma spp. Erregerspektrum
Zu den oben genannten Spezies der Gattung “Mycoplasma spp.” gibt es noch weitere, die aber ausschließlich Tiere befallen und für den Menschen nicht krankheitsrelevant sind (nicht zoonotisch).
So befällt Mp. bovis v.a. die Atemwege und den Urogenitaltrakt von Rindern, während Mp. gallisepticum die Atemwege von Geflügel infiziert.
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Übersicht
Mycoplasma gallisepticum
Morphologie: vielgestaltig (pleomorph), häufigkugelig (kokkoid); Ihre Kolonien zeigen eine typische Spiegeleiform
Größe: Durchmesser ca. 0,1-0,3 µm, Durchmesser der Mycoplasmenkolonien 50-600 µm
Beweglichkeit: Fehlende Oberflächengeiseln, jedoch Fähigkeit der gleitenden Fortbewegung mittels sialylierten Oligosacchariden auf festen Oberflächen (z.B. Epithelgewebe) in Richtung Membranpol
Gram-Färbung: Gram-Zuordnung ungeklärt, durch fehlende Zellwand nicht mittels Gram-Färbung anfärbbar
Verkapselung: keine Kapsel, keine Zellwand
Sporenbildung: nein
Sauerstoffbedarf: fakultativ anaerob
Zellinvasion: extrazellulär membrangebunden oder intrazellulär
Zellaufbau
Zellaufbau Mycoplasma spp.
Die Gattung “Mycoplasma spp.” stellen die kleinsten und einfachsten selbst replizierenden Bakterien dar und zeichnen sich durch ihre einzigartige Zellstruktur aus:
Fehlende Zellwand:
Zellmembran stellt äußere Begrenzung dar
Verleiht ihnen eine große Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an verschiedene Umgebungen → ermöglicht auch pleomorphe Gestalt, keine festgelegte Form
Konsequenz: Resistenz gegen Antibiotika, die auf Zellwandsynthese abzielen (Beta-Lactam-Antibiotika)
Zellmembran:
Dreischichtig
Reich an Sterolen (finden sich normalerweise in tierischen Zellen) → Verleihen Membran Stabilität
Werden aus Wirtszelle aufgenommen (keine eigene Sterol-Synthese)
DNA:
Kleine, ringförmige DNA → wenig genetisches Material führt zu wenig eigenem Stoffwechsel; benutzen viele Stoffwechselprozesse des Wirts
Stoffwechsel
Energiegewinnung hauptsächlich durch Wirtsstoffwechsel mit Glukose als Energiequelle → Sie sind obligat parasitär (bedeutet: sie sind auf einen Wirt angewiesen, da ihnen wichtige Stoffwechselprozesse für ein unabhängiges Leben fehlen)
Auch die Aufnahme von Fettsäuren und Lipiden für die Zellmembranproduktion erfolgt über die Umgebung (Nährmedium oder Wirtszelle)
Gram-Verhalten
Aufgrund der fehlenden Zellwand zeigen Mykoplasmen weder das typische Färbemuster grampositiver noch gramnegativer Bakterien → bleiben bei Gram-Färbung farblos oder erscheinen diffus gefärbt → die Peptidoglykan-Schicht ist in der bakteriellen Zellwand normalerweise für die Retention des Kristallviolett-Farbstoffs in der Gram-Färbung bei grampositiven Bakterien verantwortlich
→ Zuordnung zu einer Gramgruppe nicht möglich
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Die Pathogenität der Mykoplasmen geht prinzipiell aus der Toxinfreisetzung hervor, welche schädigend auf Schleimhautepithelzellen wirkt und deren Stoffwechsel erheblich stört, sodass es zu Einschränkungen/Versagen ihrer Funktion kommt. So behindern Mycoplasmen in der Lunge beispielsweise die mukoziliäre Clearance.
Tipp
Pathogenität und Virulenzfaktoren von Mycoplasma spp.
Weitere Informationen zu Pathogenitätsmechanismen, Toxinen und Virulenzfaktoren der Gattung “Mycoplasma spp.” können der im Abschnitt “Zusatzwissen: Virulenzfaktoren Mycoplasma spp.” abgebildeten Tabelle entnommen werden.
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Mykoplasmen besiedeln je nach Spezies verschiedene Körperregionen und verursachen somit eine Varietät an Krankheitsbildern. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die relevantesten Infektionsbilder. Weitere Informationen finden sich in den jeweils dazugehörigen Artikeln.
Erreger
Krankheitsbild
Geographische Verteilung
Reservoir
Infektionsweg
Risikofaktoren
Mp. pneumoniae
Atypische Pneumonie (V.a. ambulant erworben)
Weltweit (Ca. alle 6 Jahre ein endemisches Vorkommen)
Mensch → Atemwege
Tröpfcheninfektion
Gemeinschaftseinrichtungen mit engem Kontakt
Mp. genitalium
Urethritis
Entzündung der Beckenorgane (bei Frauen)
Weltweit
Prävalenz ca. 1-3%
Mensch → Urogenitaltrakt
Sexuell
Ungeschützter Geschlechtsverkehr
Wechselnde Sexualpartner:innen
Sexuelle Coinfektionen, z.B. HIV
Mp. hominis
Weltweit
Teilweise Part der physiologischen Flora im Genitalbereich
Sexuell
Perinatal
Pathogenes Potential v.a. bei Immunsuppression
Info
Klinische Präsentation der Mycoplasmen-Infektion
Eine Infektion mit einem Erreger der Mycoplasma-Gattung kann klinisch symptomatisch werden, muss sie aber nicht. Eine Vielzahl der Infektionen verläuft klinisch asymptomatisch, sowohl bei Infektion der Atemwege, als auch bei Infektion des Urogenitaltrakts.
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Einige der wichtigsten Pathogenitäts- und Virulenzfaktoren der Gattung “Mycoplasma spp.” sind in der untenstehenden Tabelle zusammengefasst. Daneben gibt es noch weitere, die jedoch aus Gründen der Kompaktheit nicht mit in die Tabelle aufgenommen wurden.
Info
Prüfungsrelevanz
Der Inhalt der Tabelle übersteigt in der Regel das für die Prüfung relevante Wissen und dient damit eher der persönlichen Weiterbildung.
Pathogenitätsmerkmal
Virulenzfaktor
Funktionsmechanismus
Adhäsion
Adhäsine
Mykoplasmen nutzen spezielle Adhäsionsmoleküle, um an Wirtszellen zu binden
→ Beispiel:Mp. pneumoniae bindet an Rezeptoren von Atemwegsepithelzellen
Adhäsion ermöglicht enge Bindung an Wirtszelle
Folge: Fördert Kolonisierung, Verhinderung der Clearance durch Schleim oder Zilienbewegung
Folge: Entzündungen, Zellschäden und Dysfunktion von Lungenepithelzellen
Klinische Relevanz: Verursacht typische Symptome wie Husten und Atemwegsschäden
Phospholipasen
V.a. Mp. hominis
Zerstört Phospholipide in der Zellmembran der Wirtszellen
Folge: Membranschäden → Erleichtert Freisetzung von Nährstoffen, die Mykoplasmen nutzen
Klinische Relevanz: Zellzerstörung und Entzündungsprozesse
Immunevasion/ Immunsuppression
Biofilm-Bildung
Einige Mykoplasmenspezies bilden Biofilme auf Oberflächen
Schützt Bakterien vor Antibiotika und Immunangriffen
Folge: fördert chronische Infektionen
Nukleasen
Bei verschiedenen Mykoplasmenspezies
Mykoplasmen setzen Nukleasen frei, die DNA und RNA abbauen
Folge: hemmen die Immunabwehr → begünstigt zelluläre Schäden
Klinische Relevanz: Immunsuppression
Inflammation
Lipoproteine
Vorkommen: in der Zellmembran von Mykoplasmen
Wirkung:
Mykoplasmen setzen entzündungsfördernde Lipoproteine frei, die das Immunsystem aktivieren
Proteine binden an Toll-like Rezeptoren (insbesondere TLR2) und lösen starke Entzündungsreaktionen aus
Trägt zur Pathogenese chronischer Krankheiten bei
Klinische Relevanz: Besonders relevant bei urogenitalen und respiratorischen Infektionen
Oxidativer Stress, ROS, z.B. H₂O₂
Verschiedene Mykoplasmenspezies produzieren reaktive Sauerstoffspezies (ROS) wie Wasserstoffperoxid
Oxidative Moleküle schädigen Zellmembran der Wirtszelle
Folge: hemmen die zelluläre Energieproduktion und verursachen Gewebeschäden
Klinische Relevanz: chronische Entzündung und Gewebeschäden
Die Tabelle erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
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Mycoplasmen:
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1595466/, abgerufen am 02.12.2024 Nagai R, Miyata M. Gliding motility of Mycoplasma mobile can occur by repeated binding to N-acetylneuraminyllactose (sialyllactose) fixed on solid surfaces. J Bacteriol. 2006 Sep;188(18):6469-75. doi: 10.1128/JB.00754-06. PMID: 16952936; PMCID: PMC1595466.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3554017/, abgerufen am 02.12.2024 Kasai T, Nakane D, Ishida H, Ando H, Kiso M, Miyata M. Role of binding in Mycoplasma mobile and Mycoplasma pneumoniae gliding analyzed through inhibition by synthesized sialylated compounds. J Bacteriol. 2013 Feb;195(3):429-35. doi: 10.1128/JB.01141-12. Epub 2012 Nov 2. PMID: 23123913; PMCID: PMC3554017.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC207793/, abgerufen am 20.12.2024 Sasaki T. Evidence that mycoplasmas, gram-negative bacteria, and certain gram-positive bacteria share a similar protein antigen. J Bacteriol. 1991 Apr;173(7):2398-400. doi: 10.1128/jb.173.7.2398-2400.1991. PMID: 2007558; PMCID: PMC207793.
Zuletzt aktualisiert am 23.12.2024
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