Zusammenfassung
Natriumthiosulfat ist ein Antidot, das vorwiegend bei Vergiftungen mit Blausäure (Cyanid) oder anderen zyanogenen Verbindungen eingesetzt wird. Es dient als Schwefeldonor im körpereigenen Entgiftungssystem und ermöglicht die Umwandlung des hochtoxischen Cyanids in das deutlich weniger toxische Thiocyanat. Diese Reaktion wird durch das Enzym Rhodanese katalysiert und findet primär in der Leber
Weiterhin wird Natriumthiosulfat als Antidot bei Überdosierung von Cisplatin verwendet, da es durch chemische Bindung die zytotoxische Wirkung des Zytostatikums abschwächen kann. Ein weiterer Einsatz erfolgt als therapeutischer Versuch bei systemischen Vergiftungen mit Lost (Senfgas), wobei die entgiftende und neutralisierende Wirkung im Vordergrund steht.
Nach intravenöser Gabe wirkt Natriumthiosulfat rasch, wobei die Effektivität insbesondere bei Cyanidvergiftungen von einer frühzeitigen Applikation abhängt.
Lernkarte
Wirkstoffklasse und Etikett
- Wirkstoffklasse: Antidot, Schwefeldonator
Indikationen
- Vergiftung mit Blausäure oder Zyanogenen
- Antidot bei Überdosierung von Cisplatin
- Als Therapieversuch bei systemischen Vergiftungen mit Lost (Senfgas)
Kontraindikationen
- Überempfindlichkeit
Dosierung
- Vergiftung mit Blausäure, Cyanogenen, Cisplatin und Lost
- Initial: 100-200 mg/kg/KG i.v.
- Falls keine Besserung: 50-100 mg/kgKG i.v. alle 30-60 min
Besonderheiten
- Natriumthiosulfat dient als ergänzende Therapie zu 4-Dimethylaminophenol
(4-DMAP ) zur weiteren Entgiftung von Cyanid - Bei Vergiftungen mit Cyanogenen kann bei ansprechbaren Patient:innen auf die Initialtherapie mit einem Methämoglobinbildner (z.B. 4-Dimethylaminophenol
) oder Hydroxocobalamin verzichtet werden → Hier kann eine Monotherapie mit Natriumthiosulfat ausreichend sein - Natriumthiosulfat kann bei Vergiftungen mit Lost, Cisplatin oder iodhaltigen Substanzen der Magenspüllösung in einer Konzentration von 1–5 % zugesetzt werden
Wirkeintritt/-dauer
- Wirkeintritt: innerhalb weniger Minuten
- Wirkdauer: abhängig von enzymatischer Umwandlung (keine feste Zeitangabe)
Wirkung
- Natriumthiosulfat fungiert als Cyanid-Antidot, indem es dem mitochondrialen Enzym Rhodanase (Thiosulfat-Sulfurtransferase) als Schwefeldonor dient
- Hierdurch wird hochtoxisches Cyanid enzymatisch zu Thiocyanat metabolisiert
- Thiocyanat ist deutlich weniger toxisch und wird renal eliminiert → Unterstützt so die endogene Detoxifikation und schützt die mitochondriale Atmungskette vor der hemmenden Wirkung des Cyanids
- In der Antidottherapie wird Natriumthiosulfat häufig in Kombination mit 4-Dimethylaminophenol
eingesetzt
Nebenwirkungen
- Hypokaliämie
, Hypernatriämie , Hypophosphatämie - Übelkeit und Erbrechen
- Hypotonie (v.a. bei schneller Infusion)
- Lokale Schmerzen während der Verabreichung
- Metabolische Azidose
Lagerung
- Temperatur: Nicht über 25 °C lagern
- Lichtschutz: Ampullen vor Licht schützen, im Umkarton aufbewahren
Weiterführende Artikel
4-Dimethylaminophenol Oxymetrie
Quellen
- Fachinformation: Natriumthiosulfat 10%, Stand: 06/2021

