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Notfalleinsatz (RD)

11 Minuten Lesezeit

Notfalleinsätze bilden den zentralen Bestandteil des Aufgabenspektrums des Rettungsdienstes. Sie dienen der schnellen, strukturierten und professionellen Versorgung von Patient:innen, deren Gesundheitszustand akut gefährdet ist. Dabei spielen Zeit, Sicherheit und präzises Handeln eine entscheidende Rolle, da jede Minute den Verlauf und das Ergebnis eines Einsatzes beeinflussen kann. 

Das Ziel eines Notfalleinsatzes besteht darin, lebenswichtige Funktionen zu stabilisieren, weitere Schädigungen zu vermeiden und die Patient:innen sicher an eine geeignete weiterführende Einrichtung zu übergeben. Dabei sind medizinisches Fachwissen, Teamarbeit und klare Kommunikation ebenso wichtig wie ein besonnenes Vorgehen in oft stressbeladenen Situationen. 

Der folgende Artikel erläutert die Definition, die rechtlichen Grundlagen, die Qualifikationen des eingesetzten Personals, die verschiedenen Einsatzarten, den typischen Ablauf und die Besonderheiten bei Notfalleinsätzen.

Um den Einstieg in das Thema Notfalleinsatz etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Das Szenario

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: "Notfalleinsatz" → mit und ohne Notarzt und entsprechendes Einsatzstichwort
  • Ort: Mehrfamilienhaus, 3. OG
  • Alarmzeit: 08:32
  • Anrufer:in: Patientin
  • Anzahl der betroffenen Personen: 1
  • Zusatzinfo:
    • Patientin, 85 Jahre, am Rollator schlecht mobil
    • KTW vor Ort

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen des Rettungswagens steht der Ehemann am Fenster und weist euch den Weg. 

Die Lage ist wie folgt:

  • Seit 3 Wochen zunehmende Allgemeinzustandsverschlechterung, Mobilität zunehmend eingeschränkt
  • Ehemann ist mit der Pflege überfordert
  • Patientin kann seit 3 Wochen die Wohnung nicht mehr verlassen und ist nur schwer am Rollator mobil
  • Patientin kann nichts mehr essen und bei sich behalten, sie hat Bauchschmerzen, der Hausarzt hat keinen klaren Verdacht und weist sie zur weiteren Untersuchung in ein Krankenhaus ein
  • Einweisung, aktueller Medikamentenplan und Transportschein wurden vom Hausarzt hinterlassen
  • Patientin saß bei Eintreffen des KTW am Boden, mit mehreren Verletzungen. Sie sei aufgrund einer Synkope gestürzt, berichtet der Ehemann
  • Patientin sehr schwach und schwindelig, bei Aufstehversuchen kommt es zu akuten Zustandsverschlechterungen
  • Nachalarmierung des RTW durch die KTW Besatzung
Fallbeispiel Notfalleinsatz

Ein Notfalleinsatz wird in der Regel über die Leitstelle disponiert. Dabei kann es sich um die unterschiedlichsten Szenarien handeln: von Unfällen und internistischen Notfällen über psychische Krisen bis hin zu geburtshilflichen oder pädiatrischen Notlagen.

 Defintion
Notfalleinsatz

Ein Notfalleinsatz beschreibt einen zeitkritischen, rettungsdienstlichen Einsatz, bei dem Patient:innen aufgrund eines plötzlich eingetretenen oder sich akut verschlechternden Gesundheitszustands medizinische Hilfe benötigen. Im Gegensatz zum planbaren Krankentransport steht hierbei die unmittelbare Lebensrettung oder akute Stabilisierung im Vordergrund.

Rechtliche Grundlagen:

Die rechtlichen Grundlagen für die Durchführung von Notfalleinsätzen in Deutschland sind folgende:

  • Landesrettungsdienstgesetze: definieren die Aufgaben, Zuständigkeiten und Strukturen der Notfallrettung
  • Sozialgesetzbuch (SGB) V: regelt die Finanzierung und Organisation des Rettungsdienstes als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge
  • Arbeits- und Dienstanweisungen der Träger: ergänzen die gesetzlichen Rahmenbedingungen und beschreiben lokale Abläufe, Alarmierungsstufen und Einsatzkategorien
  • Ärztliche Leitlinien: geben Handlungsempfehlungen für Diagnostik und Therapie im Notfalleinsatz

Zusätzlich gelten unter anderem berufsspezifische Gesetze, sowie das Strafrecht oder die Straßenverkehrsordnung.

Qualifikation des Personals:

Das Personal im Notfalleinsatz ist hoch qualifiziert und besteht aus:

  • Notfallsanitäter:innen (NotSan, NFS):
    • Führend verantwortlich für diagnostische, einsatztaktische und therapeutische Maßnahmen, bis ärztliches Personal übernimmt 
    • Verantwortlich für die eigenständige Durchführung heilkundlicher Maßnahmen bis zur weiteren ärztlichen Behandlung
    • Befähigt zur Anwendung invasiver Maßnahmen (z.B. Atemwegssicherung oder Medikamentengabe)
  • Rettungssanitäter:innen (RettSan, RS):
    • Unterstützen bei der Patient:innenversorgung, übernehmen Fahr- und teils Dokumentationsaufgaben
  • Notärzt:innen (NA):
    • Bei bestimmten Alarmstichwörtern mit alarmiert (z.B. Reanimation, Polytrauma) und übernehmen die medizinische Gesamtverantwortung

Damit stellt die Notfallrettung das höchste Kompetenzniveau innerhalb des präklinischen Rettungsdienstsystems dar.

 RettungswagenNotarzteinsatzfahrzeug
 Fahrer:inBeifahrer:inFahrer:inBeifahrer:in
Baden-WürttembergRettSanNotSanRettAss/ NotSanNotärzt:in
BayernRettSanNotSanRettSanNotärzt:in
BerlinRettSanNotSanRettAss/ NotSanNotärzt:in
BrandenburgRettSanNotSanRettAss/ NotSanNotärzt:in
BremenRettSan/ NotSan-Azubis ab dem 2. LehrjahrNotSan/ RettAssOhne AngabeNotärzt:in
HamburgRettSanNotSanNotSanNotärzt:in
HessenRettSan/ NotSan-Azubis ab dem 2. LehrjahrNotSan/ NotSan-Azubis im 3. Lehrjahr (NotSan muss fahren)RettAss/ NotSanNotärzt:in
Mecklenburg-VorpommernRettSan/ NotSan-Azubis auf RettSan NiveauNotSan/ RettAssRettAss/ NotSanNotärzt:in
NiedersachsenOhne AngabeNotSan/ RettAss (bis 12/2026)RettAss/ NotSanNotärzt:in
Nordrhein-WestfalenRettSanNotSan/ RettAssRettAss/ NotSanNotärzt:in
Rheinland-PfalzRettSanNotSanNotSan/ RettSan mit 2.000 Stunden auf dem RTWNotärzt:in
SaarlandRettSanNotSanNotSanNotärzt:in
SachsenRettSanNotSanRettAss/ NotSanNotärzt:in
Sachsen-AnhaltRettSanNotSanNotSanNotärzt:in
Schleswig-HolsteinRettSan mit Einsatzerfahrung/ NotSan-Azubi ab dem 18. MonatNotSanRettAss/ NotSanNotärzt:in
ThüringenRettSan/ RettAssNotSanNotSanNotärzt:in

Primäre Notfallrettung (ohne NA):

Bei primären Notfalleinsätzen ohne Notarzt/Notärztin (NA) wird der Einsatz ausschließlich durch das Rettungswagen-Team abgearbeitet.

Typische Beispiele (Auswahl) - variieren von Bundesland zu Bundesland:

  • Stürze ohne akut lebensbedrohlichen Verletzungen
  • Schlaganfall
  • Leichte Atemnot
  • Hyper- und Hypoglykämie
  • Hypertensive Krise

Wichtige Aspekte:

  • Eigenständige Notfallversorgung nach standardisierten Protokollen (xABCDE, SAMPLERS)
  • Entscheidung über weitere Maßnahmen und Transportziel liegt bei der RTW-Besatzung
  • Nachforderung des NA bei Komplikationen oder vitaler Bedrohung
  • Dokumentation und Rücksprache mit der Leitstelle
 Info

Weitere Erklärungen zu verschiedenen Krankheitsbildern sowie Informationen zu Lagerungsmöglichkeiten und Rettungstechniken finden sich in den jeweiligen Artikeln.

Primäre Notfallrettung (mit NA):

Hierbei wird zusätzlich ein Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) alarmiert, wenn bereits bei der Alarmierung oder nach Ersteinschätzung der RTW-Besatzung eine ärztliche Versorgung vor Ort erforderlich ist.

Typische Indikationen (Auswahl):

  • Reanimation
  • Akutes Koronarsyndrom (ACS)
  • Polytrauma
  • Schwere Atemnot
  • Bewusstlosigkeit oder Krampfanfälle

Relevante Merkmale:

  • Enge Zusammenarbeit zwischen RTW- und NEF-Team (gemeinsame Therapieentscheidungen)
  • Ärztliche Durchführung oder Delegation invasiver Maßnahmen (z.B. Intubation oder Medikamentengabe)
  • Nach Stabilisierung erfolgt der Transport in der Regel mit ärztlicher Begleitung
  • Dokumentation und Nachbesprechung erfolgen im Team
 Merke

Der Notarzt/ die Notärztin übernimmt die medizinische Verantwortung, die RTW-Besatzung unterstützt hierbei und ist für die Logistik verantwortlich.

Sekundärtransporte:

Verlegungstransporte betreffen den Transport von Patient:innen zwischen Kliniken, wenn dort eine weiterführende oder spezialisierte Behandlung notwendig ist.

Verlegungstransporte erfordern präzise Planung, klare Kommunikation mit beiden Kliniken und lückenlose Dokumentation.

 Info

Weitere Informationen zu Sekundärtransporten und anderen Transportarten, mit denen wir tagtäglich in der Notfallrettung konfrontiert sein können, finden sich im Artikel Sonderfahrten.

Einsatzgrundsätze:

  • „Load and go“

    → Patient:in wird sofort transportiert, ohne längere Maßnahmen am Einsatzort, Grundversorgung und Stabilisation für einen Transport werden trotzdem durchgeführt, bspw. SchlaganfallZiel: schnellstmöglicher Transport in eine definitive Versorgungseinrichtung

  • „Load, go and treat“

    Kombination aus Transport und paralleler Therapie → Maßnahmen erfolgen während der Fahrt → Ziel: Vitalfunktionen stabilisieren, ohne Zeitverlust vor Ort

  • „Stay and play“

    Stabilisierung am Einsatzort, vor dem Transport → besonders bei lebensbedrohlichen Zuständen, die eine sofortige Intervention erfordern, bspw. ReanimationZiel: Patient:in transportfähig machen vor dem Transport

 Merke

Die Wahl des Prinzips hängt von der Gesamtsituation, dem Zustand des Patienten/ der Patientin und den lokalen Gegebenheiten ab.

 Achtung
Übernahmeverschulden

Jeder Transport kann von einem Team des Rettungsdienstes oder des Krankentransportes abgelehnt werden. Sind die Patient:innen beispielsweise nicht stabil genug, um transportiert zu werden oder bestehen andere unsichere Faktoren, sollte diese Person nicht ohne Weiteres transportiert werden. 

Ein Übernahmeverschulden liegt vor, wenn die medizinische Fachkenntnis, die technische Ausstattung oder die organisatorischen Gegebenheiten nicht ausreichen, um Patient:innen adäquat zu versorgen

Eine Rücksprache mit der Leitstelle kann hier Hilfe bieten. Die Verantwortung für die Versorgung der Patient:innen liegt jedoch immer beim Team vor Ort

Der generelle Ablauf eines Notfalleinsatzes gestaltet sich meist wie folgt:

Transportschein und Einweisungen:

  • Ein Transportschein (ärztliche Verordnung) ist verpflichtend für die Abrechnung mit der Krankenkasse
  • Es bestehen bundeslandspezifische Regelungen, sodass bei Notfalleinsätzen zum Teil kein Transportschein erforderlich ist
  • Bei Einweisungen und Verlegungen sind zusätzliche ärztliche Unterlagen erforderlich

Gepäck, Unterlagen und organisatorische Aufgaben:

  • Medikamente, weitere Unterlagen, Pflegeberichte, Hilfsmittel
  • Koffer und persönliche Dinge werden durch das Team gesichert transportiert (wenn möglich)

Betreuung während der Fahrt:

  • Regelmäßige Ansprache und Betreuung
  • Kontrolle von Lagerung, Atmung und Kreislauf
  • Durchgehendes Monitoring und Durchführung weiterer Interventionen, wenn benötigt
  • Unterstützung bei Schmerzen oder Angst (auch nicht-medikamentös)
  • Sicherung von Infusionen, Schienen oder Kathetern

Besonderheiten bei speziellen Patient:innengruppen:

  • Demenz: klare Sprache, Geduld, Vermeidung von Stresssituationen
  • Rollstuhlpatient:innen: ggf. Sicherung des Rollstuhles durch entsprechende Sicherungsvorrichtungen, falls nicht möglich, dann zu Hause lassen (Krankenhaus hat z.B. eigene Rollstühle)
  • Infektionstransporte: Schutzkleidung und Hygiene- und Desinfektionsprotokolle beachten
  • Adipöse Patient:innen: ggf. Spezialtragen verwenden, auf Gewichtslimits achten
  • Psychiatrische Patient:innen: Deeskalation, ruhige Gesprächsführung, ggf. Begleitperson einbeziehen, ggf. Polizei notwendig
  • Kinder: Elternbegleitung, kindgerechte Kommunikation
  • Blinde Patient:innen: jeden kleinen Arbeitsschritt und jedes Vorgehen genau erklären, Warnung bei Berührung und Führung anbieten bei Bewegung
  • Gehörlose Patient:innen: manche können Lippen lesen → klar, deutlich und langsam sprechen, ansonsten aufschreiben oder ggf. Dolmetscher, wenn keine Gebärdensprache beherrscht wird

Umgang mit besonderen Patient:innengruppen erfordert Erfahrung, Empathie und eine angepasste Einsatzstrategie.

 Info

Dieses Kapitel ist sehr allgemein gehalten. Die jeweiligen Krankheitsbilder bedürfen unterschiedlicher Behandlungen, Abläufe und Entscheidungen.

  • Luxem, J., Runggaldier, K., Karutz, H., Flake, F., Notfallsanitäter Heute, Elsevier, 2016, ISBN: 978-3437461958
  • Koch, S., Kuhnke, R., retten - Notfallsanitäter, Thieme, 2023, ISBN: 978-3132421219
Zuletzt aktualisiert am 27.05.2026
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