Medi Know
Logo Image

Opioide

10 Minuten Lesezeit

Die Opioide sind eine Wirkstoffgruppe, welche an den körpereigenen Opioidrezeptoren ihre Wirkung entfalten. Da bei einer Stressreaktion (Bsp.: Kampf ums Überleben) die Schmerzwahrnehmung stören würde, wird diese durch Ausschüttung endogener Opioidpeptide (β-Endorphin, Enkephalin, Dynorphin) auf Rückenmarksebene (spinal) und im Gehirn (supraspinal) gehemmt. Derselbe Mechanismus wird pharmakologisch bei der Gabe von exogenen Opioiden genutzt. Die Hauptwirkung der Opioide ist damit die Analgesie.

  • Agonismus oder Partialagonismus an den endogenen Opioidrezeptoren (μ-/κ-/δ- Rezeptoren)
  • Präsynapse: Bindung führt zur Senkung von intrazellulärem cAMP. Dadurch wird der Einstrom von Calcium in die Präsynapse und damit die Transmitterfreisetzung (Glutamat) reduziert
  • Postsynapse: Bindung führt zu einer erhöhten Öffnungswahrscheinlichkeit von postsynaptischen Kaliumkanälen. Der Ausstrom von Kalium (positiv geladene Ionen) führt zu einer Hyperpolarisation, wodurch ebenfalls die Signalweiterleitung unterdrückt wird
Übersicht über spinale Wirkorte verschiedener Opioid- und Nicht-Opioid-Analgetika
 Info
Opiate vs. Opioide

Opiate werden Substanzen genannt, die aus dem Schlafmohn (Papaver somniferum) gewonnen werden können (zum Beispiel Morphin oder Codein). Opioide ist ein Sammelbegriff für natürliche und synthetische Stoffe, die morphinartige Eigenschaften aufweisen und an Opioidrezeptoren wirksam sind. Das heißt, alle Opiate sind Opioide, aber nicht alle Opioide sind Opiate!

Endogene Opioidrezeptoren

OpioidrezeptorWirkung
  • MOR (μ-Opioidrezeptor)
  • Analgesie (spinal und supraspinal)
  • Atemdepression
  • Parasympathikus-Aktivierung
    • Bradykardie
    • Miosis
    • Hypotonie
  • Obstipation
  • Euphorie

CAVE: regelmäßige Stimulation führt zu Abhängigkeit und Toleranzentwicklung

  • KOR (κ-Opioidrezeptor)
  • Analgesie (spinal)
  • Sedierung
  • Miosis
  • Dysphorie
  • DOR (δ-Opioidrezeptor)
  • Analgesie
  • Atemdepression
  • Hypotonie
 Merke

Je nach Rezeptoraffinität unterscheiden sich die exogenen Opioide in ihrem Wirkungs- und Nebenwirkungsprofil.

Übersicht über die niedrig-potenten Opioide

 Niedrig-potente Opioide (WHO-Stufe-II)Analgetische Potenz im Vergleich zu MorphinBesonderheiten
  • Reine Agonisten
  • Tramadol  
  • 0,1-0,2
  • Tramadol: stark emetogen
  • Zusätzlich analgetisch wirksam durch Hemmung der Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin
  • Tilidin (+Naloxon)
  • 0,1-0,2
  • Prodrug → Wird in Leber zum aktiven Nortilidin umgewandelt
  • Häufig in Kombination mit Naloxon, um i.v.-Missbrauch zu verhindern (bei oraler Einnahme wird Naloxon durch First-Pass-Effekt inaktiviert und Tilidin kann wirken)
  • Codein
  • Dihydrocodein
  • 0,2
  • 0,2-0,3
  • Verwendung als Antitussivum (Hustenstiller bei trockenem Reizhusten)
  • Codein ist ein Prodrug → Wird über CYP2D6 in der Leber teilweise in Morphin umgewandelt
  • Dihydrocodein stärker analgetisch wirksam als Codein

Übersicht über die hoch-potenten Opioide

 

Hoch-potente Opioide:

(WHO-Stufe III) 

Analgetische Potenz im Vergleich zu MorphinBesonderheiten
  • Reine Agonisten
  • Pethidin
  • 0,1-0,2
  • Cave: aktiver Metabolit Norpethidin kann bei Niereninsuffizienz akkumulieren 
    → Auslösung von Krampfanfällen
  • Einsatz bei Gallenkoliken, Divertikulitis (weniger spasmogen)
  • Keine Kombination mit MAO-Hemmern Risiko eines Serotonin-Syndrom
  • Piritramid  
  • 0,7
  • Standardopioid zur intravenösen postoperativen Schmerztherapie
  • Weniger emetogen, kreislaufdepressiv und euphorisierend als Morphin
  • Morphin
  • 1
  • i.v. 1/3 der oralen Dosis
  • Hoher First-Pass-Effekt bei oraler Aufnahme, i.v. Applikation 3-fach stärker wirksam
  • Akkumulationsgefahr des aktiven Metabolits Morphin-6-Glucuronid bei Niereninsuffizienz 
  • Oxycodon
  • 2
  • Hohe Bioverfügbarkeit, schneller Wirkeintritt
  • Keine aktiven Metaboliten
  • Zum Teil in Kombination mit Naloxon → Reduziert Obstipation
  • Levomethadon
  • 4
  • Gute orale Bioverfügbarkeit im Vergleich zu Morphin
  • Langsame ZNS-Anflutung → Wenig euphorisierend
  • Lange Wirkdauer (5-8 Std)
  • Verwendung in der Substitutionstherapie bei Opioidabhängigkeit
  • Hydromorphon
  • 7,5
  • Behandlung starker Schmerzen
  • Keine aktiven Metabolite → Gabe bei Leber- und Niereninsuffizienz möglich
 Hoch-potente Opioide: (WHO-Stufe III) Analgetische Potenz im Vergleich zu MorphinBesonderheiten
  • Partial-agonisten
  • Buprenorphin  
  • 30
  • Bindet mit sehr hoher Affinität an µ-Opioidrezeptor
  • Ceiling-Effekt
  • Nur schwer antagonisierbar mit Naloxon (Antidot: Doxapram)
  • Kann nicht durch höher potentes Opioid vom Rezeptor verdrängt werden
  • Antagonist am κ-Opioidrezeptor  

→ Weniger Dysphorie

  • Langsames Anfluten, geringes Suchtpotential 

→ Geeignet für Substitutionstherapie

Übersicht über die Fentanyl-Gruppe

  • Bei der Fentanylgruppe handelt es sich um reine Agonisten
  • Häufig verwendete Analgetika in der Anästhesie
Opioide: 
(WHO-Stufe III)
Analgetische Potenz im Vergleich zu MorphinWirkdauerBesonderheiten
Alfentanil3010–15 min
  • Bei kurzen operativen Eingriffen
  • Im Vergleich zu Fentanyl schnellerer Wirkeintritt und kürzere Wirkdauer
  • Häufiger Thoraxrigidität
Fentanyl12030–40 min
  • Stark analgetisch
  • Kumulation im Fettgewebe bei kontinuierlicher Applikation 
    Kontextsensitive Halbwertszeit
  • Applikationsformen: u.a. oral, sublingual, buccal, nasal, transdermal (als Pflaster), intravenös
Remifentanil20010 min
  • Inaktivierung durch unspezifische Esterasen → Beste Steuerbarkeit, kurze Wirkdauer
  • Vorteilhaft bei Leber- und Niereninsuffizienz (keine Dosisanpassung notwendig)
  • Keine Kumulation
  • Steht im Verdacht eine Opioid-induzierten Hyperalgesie (OIH) auszulösen →  paradoxe Schmerzempfindlichkeit
SufentanilCa. 100030 min
  • Höchste analgetische Potenz aller in der Humanmedizin zugelassenen Opioide
  • Geringere Akkumulationsgefahr im Vergleich zu Fentanyl (geringere kontextsensitive Halbwertszeit)
 Definition

Kontextsensitive Halbwertszeit beschreibt die Zeit, die notwendig ist, um nach einer kontinuierlichen Infusion einen 50%-igen Konzentrationsabfall einer Substanz am Wirkort zu erreichen

  • Vor allem relevant bei Injektionsanästhetika, welche bspw. im Rahmen der 
    Analgosedierung über längeren Zeitraum verabreicht werden
  • Besonders ausgeprägt ist der Effekt bei Fentanyl und Thiopental
  • Bei Remifentanil führt eine längere Infusionsdauer nicht zu einer verlängerten Halbwertszeit → Dies liegt an der schnellen Inaktivierung durch unspezifische Esterasen
Übersicht über die klinisch relevanten kontextsensitiven Halbwertszeiten

Allgemein

  • Bei akuten Schmerzen: nicht retardierte Applikationsformen für einen schnellen Wirkeintritt, um Schmerzspitzen adäquat zu behandeln
  • Bei chronischen Schmerzen: oral (retard) oder transdermal, um eine konstante Analgesie zu erreichen und psychische Abhängigkeit zu reduzieren

Spezielle Indikationen

  • Bei starken Schmerzen
    • Bei chronischen Schmerzen oder Tumorschmerzen: z.B. Fentanyl-Pflaster (transdermale Applikation)
    • Postoperative Analgesie: z.B. Piritramid i.v. 
  • Beim akuten Koronarsyndrom oder Lungenödem: Morphin i.v.
  • Analgesie im Rahmen der Allgemeinanästhesie: z.B. Sufentanil i.v. oder Remifentanil i.v.  (in Kombination mit Injektions- oder Inhalationsanästhetikum)
  • Bei nicht-produktivem Husten: z.B. Codein oder Dihydrocodein als Hustensaft
  • Bei Durchfall: Loperadmid
 Merke

Merkhilfe: SOME OATS (einige Haferflocken)

  • S: Sedierung
  • O: Obstipation
  • M: Miosis, Mediatorfreisetzung → Histamin → Juckreiz, Miktionsbeschwerden (Harnverhalt)
  • E: Erbrechen
  • O: Orthostatische Hypotonie
  • A: Atemdepression, resp. Azidose, Abhängigkeit, Anstieg des Hirndrucks (primär durch CO₂-Retention aufgrund der Hypoventilation)
  • T: Thoraxrigidität (bei schneller i.v.-Gabe), Toleranz
  • S: Schwitzen
 Achtung

Sedierung, orthostatische Hypotonie, Übelkeit und Erbrechen werden vor allem zu Therapiebeginn beobachtet und nehmen im Verlauf ab (Toleranzentwicklung). Es entwickelt sich jedoch keine Toleranz gegen die Obstipation und Miosis (keine Besserung im Therapieverlauf) → Begleitende Laxantien-Therapie obligat!

Loperamid

Wirkmechanismus

Wirkmechanismus Loperamid

Indikation

  • Symptomatische Behandlung von Durchfallerkrankungen

Nebenwirkungen:

  • Obstipation
  • Blähungen
  • Kopfschmerzen
  • Schwindel
 Achtung

Keine Anwendung bei Kindern <2 Jahren, da Blut-Hirn-Schranke noch nicht vollständig ausgebildet ist → Zentrale Effekte möglich! Bei Kombination mit P-Glykoprotein-Inhibitoren (Bsp.: Verapamil, Ketoconazol) ebenfalls zentrale Effekte mit Atemdepression möglich!

Übersicht

 NaloxonNaltrexon
Wirkmechanismus  Kompetitive Hemmung der Opioidrezeptoren: Opioidrezeptor-Antagonisten binden kompetitiv an die µ-, δ- und κ-Opioidrezeptoren, verhindern somit die Bindung und Aktivierung durch Opioide, und heben dadurch deren Wirkung auf
Indikation
  • Verwendung bei Opioidüberdosierung bzw. Opioidintoxikation
  • Kombinationspräparat zur Reduktion von Nebenwirkungen oder Missbrauch (Tilidin/Naloxon, Oxycodon/Naloxon, Buprenorphin/Naloxon)
  • Verwendung zur oralen Entwöhnungstherapie von Opioidabhängigen (nach erfolgter Opioidentgiftung bspw. Heroin)
  • Supportive Behandlung von Alkoholabhängigen → Soll Craving reduzieren  
Applikation
  • Parenteral (kurze Halbwertszeit)
  • Oral (Wirkdauer bis zu 24 Std)
Mund
 Tipp

Die Verabreichung von Naloxon kann zu einem akuten Opioid-Entzug (z.B. Herzrhythmusstörungen, Lungenödem, Herzstillstand) führen. Da die Halbwertszeit von Naloxon kürzer ist als die der meisten Opioide, kann es zu einem Wiederauftreten der Opioidwirkung (Remorphinisierung/Rebound-Phänomen) kommen.

Methylnaltrexon

  • Subkutane Anwendung als Komedikation zur Reduktion der Opioid-bedingten Obstipation
  • Freissmuth et al.: Pharmakologie und Toxikologie. Springer 2012, ISBN: 978-3-642-12353-5.
  • Karow, Lang-Roth: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2012
  • Lüllmann et al.: Pharmakologie und Toxikologie. 15. Auflage Thieme 2002, ISBN: 3-133-68515-5
  • Wehling: Klinische Pharmakologie. 2. Auflage Thieme 2011, ISBN: 978-3-131-60282-4
Zuletzt aktualisiert am 27.04.2026
Nicht-Opioid-Analgetika
Thrombozytenaggregationshemmer
Deine Medizin-Lernplattform
Jetzt weiterlesen
Zugang zu diesem und über 800 weiteren leitlinienbasierten Artikeln, unserem einzigartigen medizinischen AI-Tutor und Quiz