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Osteogenesis imperfecta

SK
6 Minuten Lesezeit

Die Osteogenesis imperfecta (OI), auch Glasknochenkrankheit genannt, ist eine seltene, genetisch bedingte Bindegewebserkrankung. Ursache ist eine Störung der Kollagen-I-Synthese, die zu einer verminderten Knochenstabilität, erhöhter Frakturanfälligkeit und – je nach Subtyp – auch zu Kleinwuchs führt. Insgesamt sind derzeit elf Subtypen beschrieben, die sich sowohl in ihrem Erbgang als auch in der klinischen Ausprägung unterscheiden.

Das klinische Spektrum ist breit: Es reicht von milden Verlaufsformen mit normaler Körpergröße, gelegentlichen Frakturen und im Erwachsenenalter möglicher otosklerotischer Schwerhörigkeit, bis hin zu schweren Formen mit disproportioniertem Kleinwuchs, multiplen intrauterinen Frakturen, blauen Skleren und perinataler Letalität im ersten Lebensjahr.

Blaue Skleren bei einem Patienten mit Osteogenesis imperfecta
Blaue Skleren bei Patient mit Osteogenesis imperfecta

Eine kausale Therapie steht bislang nicht zur Verfügung. Der Schwerpunkt liegt daher auf einem multimodalen Management:

  • Bisphosphonate können die Knochenqualität verbessern und Frakturen reduzieren
  • Zentrale Therapieziele sind die Frakturprävention, die Prophylaxe von Deformitäten und die Förderung der Mobilität
  • Ergänzend kommen physiotherapeutische Maßnahmen, Hilfsmittelversorgung und in schweren Fällen auch operative Korrekturen zum Einsatz

Damit stellt die OI eine Erkrankung dar, die trotz genetisch bedingter Ursache vor allem durch ein interdisziplinäres Langzeitmanagement kontrolliert werden kann.

  • Mutationen in Genen, die an der Kollagen-I-Synthese beteiligt sind (z. B. COL1A1, COL1A2), führen zu einer gestörten Bildung des strukturell wichtigen Typs I Kollagens
  • Verlust eines COL1A1-Allels (haploinsufficiency) resultiert in reduzierter, aber qualitativ intakter Kollagenproduktion → meist mildere Krankheitsverläufe (z. B. Typ I)
  • Punktmutationen oder alternatives Splicing in COL1A1 oder COL1A2 können zur Bildung von defektem Kollagen Typ I führen → diese Kollagenfasern sind instabil und verursachen schwerere Formen der OI

Früher wurde die Osteogenesis imperfecta nach der Sillence-Klassifikation in verschiedene Typen anhand des klinischen Phänotyps eingeteilt. Heute erfolgt die Klassifikation zunehmend nach dem zugrundeliegenden Gendefekt und dem jeweiligen Erbgang, was eine präzisere Zuordnung erlaubt. Zur Übersicht wird die ursprüngliche klinische Einteilung nach Sillence jedoch weiterhin häufig verwendet:

Sillence-Klassifikation (klinisch)

TypSchweregrad / VerlaufTypische Merkmale
Typ IMildeste FormBlaue Skleren, normale Körpergröße, erhöhtes Frakturrisiko in der Kindheit, evtl. Schwerhörigkeit im Erwachsenenalter
Typ IISchwerste Form, perinatal letalBereits intrauterine Frakturen, stark verkürzte Extremitäten, blaue Skleren, Tod meist im 1. Lebensjahr
Typ IIISchwere, aber nicht letale VerlaufsformKleinwuchs, multiple Deformitäten und Frakturen (schon bei geringen Traumata), Makrozephalie mit dreieckigem Gesicht, variable Sklerenfarbe
Typ IVIntermediäre FormModerate Kleinwüchsigkeit, erhöhte Frakturrate (v. a. bis Pubertät), meist weiße Skleren
Typ V (später ergänzt)Klinisch ähnlich Typ IV, genetisch verschiedenWeiße Skleren, Kallusbildung nach Frakturen, interossäre Membranverkalkungen
 Merke

Die Sklera enthält Kollagen Typ I. Bei OI ist die Sklera besonders dünn, weshalb die darunterliegenden Blutgefäße sichtbar werden – dies erklärt das charakteristische blaue Aussehen.

Moderne genetische Einteilung (nach Gendefekt / Erbgang)

Kollagen-I-Synthese (klassisch, häufigste Form)

  • COL1A1, COL1A2
  • Meist autosomal-dominant
  • Typ I–IV der Sillence-Klassifikation

Matrixmodifikationen & Prozessierung

  • CRTAP, LEPRE1, PPIB
  • Meist autosomal-rezessiv
  • Führt zu schweren OI-Formen (teils letal, früher oft als Varianten von Typ II/III eingeordnet)

Knochenmineralisation / Differenzierung

  • IFITM5 (OI Typ V)
  • Autosomal-dominant, erklärt die klinische Sonderform mit Kallusbildung

Weitere seltene Gene (z. B. SERPINF1, TMEM38B, SP7)

  • Meist rezessiv
  • Seltene Sonderformen, oft mit sehr spezifischen phänotypischen Merkmalen
 Tipp

„Blau – Brüche – Beleg (Genetik)“

  • Blau: Skleren
  • Brüche: gehäuft, auch intrauterin
  • Beleg: genetische Untersuchung (COL1A1/COL1A2)

Pränatal:

  • Ultraschalluntersuchung: Frühe Hinweise können intrauterine Frakturen, Knochenverformungen oder eine reduzierte Knochendichte sein

Postnatal:

  • Bildgebung: Röntgen zur Erkennung typischer Knochenveränderungen und Frakturen, ggf. Knochendichtemessung
  • Zelluläre Untersuchung: Hautbiopsie mit Kultur von Fibroblasten und Analyse der Kollagen-Synthese (historisch, seltener aktuell)
  • Molekulargenetische Diagnostik: Sequenzierung von COL1A1 und COL1A2 – bei unauffälligen Ergebnissen ggf. weitergehende genetische Tests auf seltenere OI-Gene
  • Audiometrische Kontrolle: Regelmäßige Hörtests zur Früherkennung einer Ötosklerose bzw. Schwerhörigkeit

Kindsmisshandlung

  • Frakturen: v. a. metaphysäre Eckfrakturen, Rippenfrakturen posterior → typisch für Gewalt
  • Klinik: Hämatome, Verbrennungen, Verletzungen unterschiedlicher Heilungsstadien
 Tipp
Abgrenzung zu OI: keine blauen Skleren, keine positive Familienanamnese, keine typischen Dysmorphien

Rachitis (Vitamin-D-Mangel oder hereditär)

  • Knochen: rachitische Säume, Verbiegungen (O-/X-Beine), Rosary (verdickte Rippenenden)
  • Labordiagnostik: niedriger Calcium-/Phosphatspiegel, erhöhte AP
 Tipp
Abgrenzung zu OI: keine blauen Skleren, Knochen eher weich als brüchig

Andere Skelettdysplasien

  • Achondroplasie: disproportionierter Kleinwuchs, großes Schädeldach, typische Gesichtsform
  • Hypophosphatasie: frühe Zahnverluste, niedrige alkalische Phosphatase, multiple Frakturen
 Tipp
Abgrenzung zu OI: fehlende klassische Trias (blaue Skleren, Frakturen, Hörverlust)

Metabolische Knochenerkrankungen

  • Juvenile Osteoporose: oft idiopathisch, Frakturen bei geringer Belastung
  • Morbus Gaucher: Knochenschmerzen, Splenomegalie, Hämatologische Veränderungen

Ziele der Behandlung

  • Vermeidung von Frakturen und Pseudarthrosen
  • Prävention und Korrektur von Deformitäten
  • Erhalt und Förderung der Mobilität, Verbesserung der Lebensqualität

Medikamentöse Maßnahmen

  • Bisphosphonate (z. B. Pamidronat, Zoledronat, Alendronat): intravenös oder oral, zielen auf Erhöhung der Knochenmasse, Reduktion von Knochenschmerzen und Frakturraten ab. Ihre Anwendung ist im Kindesalter am besten untersucht
  • Denosumab: In ausgewählten Fällen diskutiert, aber die Evidenz zur Frakturprävention bei OI ist begrenzt
  • Wachstumshormon: Einzelne Berichte einer Nutzung, besonders bei Kindern mit Wachstumsdefiziten
  • Vitamin D und Kalzium: Ergänzungen orientieren sich an allgemeinen Empfehlungen, da OI-Patienten häufiger Vitamin D-Mangel zeigen. Eine suffiziente Vitamin-D-Versorgung ist wichtig, um den Erfolg der Bisphosphonattherapie zu unterstützen

Konservative und rehabilitative Maßnahmen

  • Einsatz von Orthetik, Liegeschalen und Kopfstützen zur Dekompensation und Fehlstellungsprophylaxe
  • Physiotherapie mit maßgeschneiderten Programmen zur Stärkung der Muskulatur, Gelenkmobilisation und Förderung der funktionellen Mobilität. Training in Wasser oder mit leichten Widerständen kann vorteilhaft sein

Operative Therapie

  • Bei schweren Deformitäten oder Fehlstellungen: Osteotomien mit intramedullärer Marknagelung zur Stabilisierung und Funktionsverbesserung
  • Marknagelung kann auch prophylaktisch in Knochen verwendet werden, die häufig frakturiert sind oder Pseudarthrosen ausgebildet haben
 Info
Besonderheiten und klinische Herausforderungen
  • Frakturen bei OI unterscheiden sich nicht grundsätzlich in der Heilung von normalen Frakturen, doch die Behandlung muss Frakturen früh und schonend immobilisieren, um Disuse-Osteoporose und sekundäre Knochenprobleme zu vermeiden
  • Bei Operationen und Anästhesieverfahren ist besondere Sorgfalt geboten: OI-Patienten haben ein erhöhtes Risiko für perioperative Frakturen und luftwegebezogene Komplikationen
  • Der Einsatz schwerer Gips-Verbände kann bei OI kontraproduktiv sein. Leichtere Schienen oder abnehmbare Orthesen werden bevorzugt, um Sekundärschäden zu vermeiden
Zuletzt aktualisiert am 22.09.2025
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