Zusammenfassung
Die Osteogenesis imperfecta (OI), auch Glasknochenkrankheit genannt, ist eine seltene, genetisch bedingte Bindegewebserkrankung
Das klinische Spektrum ist breit: Es reicht von milden Verlaufsformen mit normaler Körpergröße, gelegentlichen Frakturen und im Erwachsenenalter möglicher otosklerotischer Schwerhörigkeit, bis hin zu schweren Formen mit disproportioniertem Kleinwuchs

“Blaue Skleren bei Patient mit Osteogenesis imperfecta” von Herbert L. Fred, MD and Hendrik A. van Dijk, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Eine kausale Therapie steht bislang nicht zur Verfügung. Der Schwerpunkt liegt daher auf einem multimodalen Management:
- Bisphosphonate
können die Knochenqualität verbessern und Frakturen reduzieren - Zentrale Therapieziele sind die Frakturprävention, die Prophylaxe von Deformitäten und die Förderung der Mobilität
- Ergänzend kommen physiotherapeutische Maßnahmen, Hilfsmittelversorgung und in schweren Fällen auch operative Korrekturen zum Einsatz
Damit stellt die OI eine Erkrankung dar, die trotz genetisch bedingter Ursache vor allem durch ein interdisziplinäres Langzeitmanagement kontrolliert werden kann.
Pathophysiologie
- Mutationen in Genen, die an der Kollagen-I-Synthese beteiligt sind (z. B. COL1A1, COL1A2), führen zu einer gestörten Bildung des strukturell wichtigen Typs I Kollagens
- Verlust eines COL1A1-Allels (haploinsufficiency) resultiert in reduzierter, aber qualitativ intakter Kollagenproduktion → meist mildere Krankheitsverläufe (z. B. Typ I)
- Punktmutationen oder alternatives Splicing in COL1A1 oder COL1A2 können zur Bildung von defektem Kollagen Typ I führen → diese Kollagenfasern sind instabil und verursachen schwerere Formen der OI
Klinik
Früher wurde die Osteogenesis imperfecta nach der Sillence-Klassifikation in verschiedene Typen anhand des klinischen Phänotyps eingeteilt. Heute erfolgt die Klassifikation zunehmend nach dem zugrundeliegenden Gendefekt und dem jeweiligen Erbgang, was eine präzisere Zuordnung erlaubt. Zur Übersicht wird die ursprüngliche klinische Einteilung nach Sillence jedoch weiterhin häufig verwendet:
Sillence-Klassifikation (klinisch)
| Typ | Schweregrad / Verlauf | Typische Merkmale |
|---|---|---|
| Typ I | Mildeste Form | Blaue Skleren, normale Körpergröße, erhöhtes Frakturrisiko in der Kindheit, evtl. Schwerhörigkeit im Erwachsenenalter |
| Typ II | Schwerste Form, perinatal letal | Bereits intrauterine Frakturen, stark verkürzte Extremitäten, blaue Skleren, Tod meist im 1. Lebensjahr |
| Typ III | Schwere, aber nicht letale Verlaufsform | Kleinwuchs |
| Typ IV | Intermediäre Form | Moderate Kleinwüchsigkeit, erhöhte Frakturrate (v. a. bis Pubertät |
| Typ V (später ergänzt) | Klinisch ähnlich Typ IV, genetisch verschieden | Weiße Skleren, Kallusbildung nach Frakturen, interossäre Membranverkalkungen |
MerkeDie Sklera enthält Kollagen Typ I. Bei OI ist die Sklera besonders dünn, weshalb die darunterliegenden Blutgefäße sichtbar werden – dies erklärt das charakteristische blaue Aussehen.
Moderne genetische Einteilung (nach Gendefekt / Erbgang)
Kollagen-I-Synthese (klassisch, häufigste Form)
- COL1A1, COL1A2
- Meist autosomal-dominant
- Typ I–IV der Sillence-Klassifikation
Matrixmodifikationen & Prozessierung
- CRTAP, LEPRE1, PPIB
- Meist autosomal-rezessiv
- Führt zu schweren OI-Formen (teils letal, früher oft als Varianten von Typ II/III eingeordnet)
Knochenmineralisation / Differenzierung
- IFITM5 (OI Typ V)
- Autosomal-dominant, erklärt die klinische Sonderform mit Kallusbildung
Weitere seltene Gene (z. B. SERPINF1, TMEM38B, SP7)
- Meist rezessiv
- Seltene Sonderformen, oft mit sehr spezifischen phänotypischen Merkmalen
Tipp„Blau – Brüche – Beleg (Genetik)“
- Blau: Skleren
- Brüche: gehäuft, auch intrauterin
- Beleg: genetische Untersuchung (COL1A1/COL1A2)
Diagnostik
Pränatal:
- Ultraschalluntersuchung: Frühe Hinweise können intrauterine Frakturen, Knochenverformungen oder eine reduzierte Knochendichte sein
Postnatal:
- Bildgebung: Röntgen zur Erkennung typischer Knochenveränderungen und Frakturen, ggf. Knochendichtemessung
- Zelluläre Untersuchung: Hautbiopsie
mit Kultur von Fibroblasten und Analyse der Kollagen-Synthese (historisch, seltener aktuell) - Molekulargenetische Diagnostik: Sequenzierung von COL1A1 und COL1A2 – bei unauffälligen Ergebnissen ggf. weitergehende genetische Tests auf seltenere OI-Gene
- Audiometrische Kontrolle: Regelmäßige Hörtests zur Früherkennung einer Ötosklerose bzw. Schwerhörigkeit
Differentialdiagnosen
Kindsmisshandlung
- Frakturen: v. a. metaphysäre Eckfrakturen, Rippenfrakturen posterior → typisch für Gewalt
- Klinik: Hämatome
, Verbrennungen , Verletzungen unterschiedlicher Heilungsstadien
TippAbgrenzung zu OI: keine blauen Skleren, keine positive Familienanamnese, keine typischen Dysmorphien
Rachitis (Vitamin-D -Mangel oder hereditär)
- Knochen: rachitische Säume, Verbiegungen (O-/X-Beine), Rosary (verdickte Rippenenden)
- Labordiagnostik: niedriger Calcium
-/Phosphatspiegel, erhöhte AP
TippAbgrenzung zu OI: keine blauen Skleren, Knochen eher weich als brüchig
Andere Skelettdysplasien
- Achondroplasie
: disproportionierter Kleinwuchs , großes Schädeldach, typische Gesichtsform - Hypophosphatasie: frühe Zahnverluste, niedrige alkalische Phosphatase
, multiple Frakturen
TippAbgrenzung zu OI: fehlende klassische Trias (blaue Skleren, Frakturen, Hörverlust)
Metabolische Knochenerkrankungen
- Juvenile Osteoporose: oft idiopathisch, Frakturen bei geringer Belastung
- Morbus Gaucher: Knochenschmerzen, Splenomegalie, Hämatologische Veränderungen
Therapie
Ziele der Behandlung
- Vermeidung von Frakturen und Pseudarthrosen
- Prävention und Korrektur von Deformitäten
- Erhalt und Förderung der Mobilität
, Verbesserung der Lebensqualität
Medikamentöse Maßnahmen
- Bisphosphonate
(z. B. Pamidronat, Zoledronat, Alendronat): intravenös oder oral, zielen auf Erhöhung der Knochenmasse, Reduktion von Knochenschmerzen und Frakturraten ab. Ihre Anwendung ist im Kindesalter am besten untersucht - Denosumab: In ausgewählten Fällen diskutiert, aber die Evidenz zur Frakturprävention bei OI ist begrenzt
- Wachstumshormon
: Einzelne Berichte einer Nutzung, besonders bei Kindern mit Wachstumsdefiziten - Vitamin D
und Kalzium : Ergänzungen orientieren sich an allgemeinen Empfehlungen, da OI-Patienten häufiger Vitamin D -Mangel zeigen. Eine suffiziente Vitamin-D -Versorgung ist wichtig, um den Erfolg der Bisphosphonattherapie zu unterstützen
Konservative und rehabilitative Maßnahmen
- Einsatz von Orthetik, Liegeschalen und Kopfstützen zur Dekompensation und Fehlstellungsprophylaxe
- Physiotherapie mit maßgeschneiderten Programmen zur Stärkung der Muskulatur, Gelenkmobilisation und Förderung der funktionellen Mobilität
. Training in Wasser oder mit leichten Widerständen kann vorteilhaft sein
Operative Therapie
- Bei schweren Deformitäten oder Fehlstellungen: Osteotomien mit intramedullärer Marknagelung zur Stabilisierung und Funktionsverbesserung
- Marknagelung kann auch prophylaktisch in Knochen verwendet werden, die häufig frakturiert sind oder Pseudarthrosen ausgebildet haben
InfoBesonderheiten und klinische Herausforderungen
- Frakturen bei OI unterscheiden sich nicht grundsätzlich in der Heilung von normalen Frakturen, doch die Behandlung muss Frakturen früh und schonend immobilisieren, um Disuse-Osteoporose
und sekundäre Knochenprobleme zu vermeiden - Bei Operationen und Anästhesieverfahren ist besondere Sorgfalt geboten: OI-Patienten haben ein erhöhtes Risiko für perioperative Frakturen und luftwegebezogene Komplikationen
- Der Einsatz schwerer Gips-Verbände kann bei OI kontraproduktiv sein. Leichtere Schienen oder abnehmbare Orthesen werden bevorzugt, um Sekundärschäden zu vermeiden
Quellen
- Frank Pessler, Osteogenesis imperfecta, MSD Manual - Ausgabe für medizinische Fachkreise, aktualisiert Dezember 2022, verfügbar unter: https://www.msdmanuals.com/de-de/profi/pädiatrie/erkrankungen-der-knochen-und-bindegewebe-bei-kindern/osteogenesis-imperfecta, abgerufen am 17.09.2025
