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Persönlichkeitstheorien

Theorien der Persönlichkeit, Persönlichkeitsmodelle
EP
6 Minuten Lesezeit

Persönlichkeit lässt sich aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven beschreiben. Die Eigenschaftstheorie geht davon aus, dass sich individuelle Unterschiede durch relativ stabile Persönlichkeitseigenschaften (Traits) erfassen lassen. Eigenschaften wie Extraversion oder Gewissenhaftigkeit beeinflussen dabei typische Wahrnehmungs-, Denk- und Verhaltensweisen. Moderne eigenschaftsorientierte Modelle fassen Persönlichkeit insbesondere im Fünf-Faktoren-Modell (Big Five) anhand der Dimensionen Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit zusammen. Diese Dimensionen ermöglichen eine dimensionale Beschreibung von Persönlichkeit, ohne Menschen in starre Persönlichkeitstypen einzuordnen.

Das psychodynamische Modell nach Sigmund Freud erklärt Persönlichkeit dagegen aus dem Zusammenspiel psychischer Instanzen und unbewusster Prozesse. Im Strukturmodell von 1923 stehen sich Es, Ich und Über-Ichgegenüber: Das Es repräsentiert grundlegende Triebansprüche, das Über-Ich verinnerlichte Normen und moralische Anforderungen, während das Ich zwischen inneren Bedürfnissen, moralischen Ansprüchen und den Anforderungen der Realität vermittelt. Psychische Konflikte zwischen diesen Instanzen können nach Freud zur Entstehung von Angst und psychischen Symptomen beitragen.

Während die Eigenschaftstheorie Persönlichkeit vor allem beschreibt und messbar macht, versucht der psychodynamische Ansatz, zugrunde liegende psychische Prozesse und Konflikte zu erklären. Beide Modelle verfolgen damit unterschiedliche Fragestellungen und sind historisch wichtige Zugänge zur Erforschung der Persönlichkeit.

 Definition

Eigenschaftstheorien der Persönlichkeit gehen davon aus, dass Persönlichkeit aus relativ stabilen, überdauernden Eigenschaften (Traits) besteht, die das Denken, Fühlen und Verhalten eines Menschen prägen. Diese Eigenschaften unterscheiden sich zwischen Personen und ermöglichen es, individuelles Verhalten zu beschreiben, zu vergleichen und vorherzusagen.

 Merke

Grundannahme: Persönlichkeit lässt sich durch Eigenschaftsdimensionen beschreiben, die zeitlich stabil sind und sich über Situationen hinweg relativ konstant zeigen (transsituationale Stabilität). Aus der Ausprägung solcher Traits kann man typische Verhaltensweisen in unterschiedlichen Situationen vorhersagen.

Statistische Persönlichkeitsmodelle (Dispositionismus): Eigenschaften werden aus empirischen Daten (z. B. Fragebögen) abgeleitet.

Eysenck (3 Dimensionen):

  • Extraversion ↔ Introversion: gesellig / offen vs. eher zurückgezogen / kontaktscheu
  • Emotionale Stabilität ↔ emotionale Labilität (= Neurotizismus): ruhig / belastbar vs. nervös, ängstlich, verletzlich
  • Psychotizismus ↔ Realismus: Dimension im Bereich „Normalität“ vs. stärkere psychische Auffälligkeit Eysenck betonte, dass die Dimensionen weitgehend unabhängig voneinander sind

Big Five (Costa & McCrae):

Fünf grundlegende Persönlichkeitsdimensionen:

  • Verträglichkeit
  • Offenheit für Erfahrungen
  • Gewissenhaftigkeit
  • Extraversion
  • Neurotizismus (emotionale Labilität)
 Merke

Intelligenz, Psychotizismus, Kompetenzerwartung („Self-efficacy“), Sensation Seeking und Risikobereitschaft zählen nicht zu den Big Five.

Big Five (Costa & McCrae)
Die Abbildung zeigt das Big-Five-Modell der Persönlichkeit nach Costa & McCrae. Links sind die fünf grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen als Stichpunkte aufgeführt: Verträglichkeit, Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion und Neurotizismus.

Persönlichkeitstests (Beispiele):

  • Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI-R):  häufiger Test im deutschsprachigen Raum; erfasst u. a. Extraversion und Emotionalität / Neurotizismus
    • Enthält eine Lügenskala, um sozial erwünschtes Antworten zu erkennen
    • Verzerrungen können trotzdem auftreten (z. B. Ja-Sage-Tendenz oder Tendenz zur Mitte)
  • Projektive Tests: sollen unbewusste Motive / Wünsche indirekt erschließen (Interpretation von Testmaterial)
    • Beispiel: Thematischer Apperzeptionstest (TAT) -Personen erzählen Geschichten zu Bildern; Inhalte werden ausgewertet

Situationismus und Interaktionismus:

  • Situationismus (Mischel): Verhalten wird stark durch aktuelle Umweltbedingungen geprägt
    • Unterschiede innerhalb einer Person zwischen Situationen können größer sein als Unterschiede zwischen Personen in derselben Situation
  • Interaktionismus: Kombination aus Trait- und Situationssicht: Verhalten entsteht aus Person × Situation

Behavioristischer Ansatz:

  • Verhalten und damit auch Verhaltensgewohnheiten wird als gelernt verstanden und kann prinzipiell umgelernt werden (klassische und operante Konditionierung)

Objektbeziehungstheorie (Psychoanalyse):

  • Frühe soziale Beziehungen, besonders die Mutter-Kind-Beziehung, prägen Erwartungen an andere und an sich selbst
  • Störungen in frühen Entwicklungsphasen können später u. a. Beziehungsprobleme oder soziale Ängste begünstigen
 Definition

Das psychodynamische Modell nach Freud beschreibt die Persönlichkeitsentwicklung als einen prozesshaften Verlauf in mehreren psychosexuellen Phasen, in denen sich grundlegende Bedürfnisse an verschiedene Körperzonen binden. Die Art, wie diese Bedürfnisse in den einzelnen Phasen befriedigt werden, beeinflusst die spätere Persönlichkeitsstruktur.

Freud beschreibt fünf Phasen, in denen sich Bedürfnisse an unterschiedliche Körperzonen koppeln:

  • Orale Phase (0–2 J.): Lust / Bedürfnisbefriedigung über Mund (Saugen, Nuckeln)
  • Anale Phase (2–4 J.): Kontrolle / Ausscheiden; Beginn bewusster Ich-Entwicklung und Regeln
  • Phallische Phase (4–6 J.): Entdeckung der Geschlechtsunterschiede; ödipale Phase, Identifikation
  • Latenzphase (7–12 J.): sexuelle Energie wird eher in Lernen / soziale Aktivitäten kanalisiert (Sublimierung)
  • Genitale Phase (ab Pubertät): reife Sexualität / Beziehungen

Fixierung, Regression, Charaktertypen (nach Freud):

  • Zu viel oder zu wenig Befriedigung in einer Phase kann zu Fixierung führen
  • Später kann es zu Regression (Rückgriff auf frühere Muster) kommen
  • Daraus werden klassische Charakterbeschreibungen abgeleitet, z. B. oral-depressiv, zwanghaft-anale oder phallisch-hysterische Muster
  • Freud S. Das Ich und das Es. Leipzig, Wien, Zürich: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 1923
  • McCrae RR, John OP. An introduction to the Five-Factor Model and its applications. J Pers 1992;60(2):175-215. DOI: 10.1111/j.1467-6494.1992.tb00970.x
  • Digman JM. Five robust trait dimensions: Development, stability, and utility. J Pers 1989;57(2):195-214. DOI: 10.1111/j.1467-6494.1989.tb00480.x
  • Cattell RB. The description of personality. I. Foundations of trait measurement. Psychol Rev 1943;50(6):559-594. DOI: 10.1037/h0057276
  • Allport GW. What is a trait of personality? J Abnorm Soc Psychol 1931;25(4):368-372. DOI: 10.1037/h0075406
Zuletzt aktualisiert am 17.08.2026
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