Die präoperative Gerinnungsdiagnostik ist ein wesentlicher Bestandteil der Vorbereitung auf chirurgische und interventionelle Eingriffe, um das Risiko von Blutungskomplikationen zu minimieren.
Gerinnungsanamnese
Siehe auch standardisierte Blutungsanamnese in der Anästhesie.
- Erkrankungen mit einem erhöhten Blutungsrisiko:
- Aktuell bestehende Erkrankungen mit einem erhöhten Blutungsrisiko: z.B. Magenulkus (PPI-Therapie notwendig), Ösophagusvarizen, schwere arterielle Hypertonie
- Hämorrhagische Diathesen: Thrombozytopathien, Hämophilie A, Hämophilie B, Marfan-Syndrom, Von–Willebrand-Jürgens-Syndrom etc.
- Blutungen in der Vorgeschichte: z.B. gastrointestinale Blutung, intrakranielle Blutung, Blutungen bei vorherigen Operationen, spontane Zahnfleischblutungen, Hämatomneigung, Petechien etc.
- Erkrankungen mit einem erhöhten Thromboembolierisiko: z.B. Vorhofflimmern, rezidivierende Lungenarterienembolien
- Thrombosen und Thromboembolien in der Vorgeschichte: z.B. Lungenarterienembolie, tiefe Beinvenenthrombose, ischämischer Schlaganfall, Myokardinfarkt
- Gerinnungsneigung: Antiphospholipidsyndrom, hereditäre Thrombophilie
- Präoperative Immobilisation, präoperativer Infekt
- Erkrankungen mit einem Einfluss auf die Blutgerinnung: z.B. chronische Niereninsuffizienz, Leberzirrhose, Alkoholabusus, Mangelernährung, Malabsorption (kann z.B. zu einem Vitamin-K-Mangel führen), maligne Tumoren, Autoimmunkrankheiten (z.B. systemischer Lupus erythematodes)
- Familienanamnese: Gerinnungsstörungen
- Heparin-induzierte Thrombozytopenie (HIT) in der Vergangenheit: bei einer HIT in der Vergangenheit besteht ggf. eine Kontraindikation für eine Therapie mit Heparinen
AchtungDurch die standardmäßige Gerinnungsdiagnostik (z.B. aPTT, INR, Thrombozytenzahl, Fibrinogen) werden hämorrhagische Diathesen nicht erfasst. Daher ist eine ausführliche Blutungsanamnese wichtig. Ggf. ist eine spezifische Gerinnungsdiagnostik notwendig.
- Allergien oder Unverträglichkeiten
- Einnahme von Thrombozytenaggregationshemmern und Antikoagulantien sowie die Indikation für die Einnahme
TippEs sollte kritisch hinterfragt werden, ob noch eine Indikation für die Einnahme von Thrombozytenaggregationshemmern oder Antikoagulantien besteht und ob der richtige Wirkstoff sowie die richtige Dosierung für die entsprechende Indikation verwendet wird. So sollte z.B. bei der verlängerten Rezidivprophylaxe einer tiefen Venenthrombose oder Lungenarterienembolie Rivaroxaban in der Dosis nach 6 Monaten Therapie ggf. reduziert werden.
AchtungBei einigen Indikationen, wie z.B. bei einem Zustand nach koronarer Stentimplantation oder einer mechanischen Herzklappe ist die Thrombozytenaggregationshemmung bzw. die Antikoagulation sehr wichtig zur Vermeidung thromboembolischer Ereignisse. Eine Pausierung oder Beendigung der Therapie sollte daher mit erfahrenen Ärzt:innen besprochen werden.
- Begleitmedikation
- Dauereinnahme von NSAR erhöht in Kombination mit Antikoagulantien das Risiko für gastrointestinale Blutungen
- Orale Kontrazeptiva
- Valproinsäure kann ein erworbenes Von-Willebrand-Jürgens-Syndrom auslösen
- Wechselwirkungen: z.B. Einnahme von P-Gp-Inhibitoren wie Ketoconazol (➜ systemisch verabreichtes Ketoconazol + Dabigatran = Kontraindikation), SSRI und SNRI können bei einer gleichzeitigen Einnahme mit DOAKs das Blutungsrisiko erhöhen, einige Antidepressiva und einige Antibiotika können die Wirkung von Phenprocoumon verstärken, Carbamazepin kann die Wirkung von Phenprocoumon abschwächen, viele weitere Wechselwirkungen (siehe Fachinformation)
- Bei Vitamin-K-Antagonisten:
- Ernährung (Aufnahme von Vitamin K (z.B. über Grünkohl) kann die Wirkung von Vitamin-K-Antagonisten beeinflussen
- INR-Zielwerte (zugrundeliegende Indikation)
- Erhaltungsdosis
AchtungBei Patient:innen mit bekannter HIT 2 kann es kurz nach der Applikation von Heparinen zu Komplikationen kommen! Bei einer vorbekannten HIT 2 sollte daher kein Heparin gegeben werden.
TippMithilfe einer gründlichen Anamnese zur Blutungsneigung lassen sich meistens ohne eine weitere Diagnostik die Patient:innen mit einer Blutungsneigung identifizieren. Häufig reicht eine kurze Anamnese zur Blutungsneigung und zum Thromboembolierisiko aus, um erste Hinweise zu finden, die Anlass für eine ausführliche Anamnese und weitere Untersuchungen sein können.
Klinische Untersuchung
- Klinische Untersuchung zur Identifikation einer akuten Blutung und Risikofaktoren für eine Blutung oder Thromboembolie zur Abschätzung des Blutungs- und Thromboembolierisikos
- z.b. Teerstuhl als Hinweis für eine gastrointestinale Blutung
- Hämatome oder Petechien
- Leberhautzeichen als Hinweise auf eine Lebererkrankung
- Unregelmäßiger Puls als Hinweis für ein Vorhofflimmern
- Ausschluss einer schweren Hypertonie
- Leitlinie: Präoperative Evaluation erwachsener Patientinnen und Patienten vor elektiven, nicht herzthoraxchirurgischen Eingriffen, gemeinsame Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin

