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Präoperative Gerinnungsdiagnostik

8 Minuten Lesezeit

Die präoperative Gerinnungsdiagnostik ist ein wesentlicher Bestandteil der Vorbereitung auf chirurgische und interventionelle Eingriffe, um das Risiko von Blutungskomplikationen zu minimieren.

Gerinnungsanamnese

Siehe auch standardisierte Blutungsanamnese in der Anästhesie.

  • Erkrankungen mit einem erhöhten Blutungsrisiko:
    • Aktuell bestehende Erkrankungen mit einem erhöhten Blutungsrisiko: z.B. Magenulkus (PPI-Therapie notwendig), Ösophagusvarizen, schwere arterielle Hypertonie
    • Hämorrhagische Diathesen: Thrombozytopathien, Hämophilie A, Hämophilie B, Marfan-Syndrom, Von–Willebrand-Jürgens-Syndrom etc.
    • Blutungen in der Vorgeschichte: z.B. gastrointestinale Blutung, intrakranielle Blutung, Blutungen bei vorherigen Operationen, spontane Zahnfleischblutungen, Hämatomneigung, Petechien etc.
  • Erkrankungen mit einem erhöhten Thromboembolierisiko: z.B. Vorhofflimmern, rezidivierende Lungenarterienembolien
    • Thrombosen und Thromboembolien in der Vorgeschichte: z.B. Lungenarterienembolie, tiefe Beinvenenthrombose, ischämischer Schlaganfall, Myokardinfarkt
    • Gerinnungsneigung: Antiphospholipidsyndrom, hereditäre Thrombophilie
    • Präoperative Immobilisation, präoperativer Infekt
  • Erkrankungen mit einem Einfluss auf die Blutgerinnung: z.B. chronische Niereninsuffizienz, Leberzirrhose, Alkoholabusus, Mangelernährung, Malabsorption (kann z.B. zu einem Vitamin-K-Mangel führen), maligne Tumoren, Autoimmunkrankheiten (z.B. systemischer Lupus erythematodes)
  • Familienanamnese: Gerinnungsstörungen
  • Heparin-induzierte Thrombozytopenie (HIT) in der Vergangenheit: bei einer HIT in der Vergangenheit besteht ggf. eine Kontraindikation für eine Therapie mit Heparinen
 Achtung

Durch die standardmäßige Gerinnungsdiagnostik (z.B. aPTT, INR, Thrombozytenzahl, Fibrinogen) werden hämorrhagische Diathesen nicht erfasst. Daher ist eine ausführliche Blutungsanamnese wichtig. Ggf. ist eine spezifische Gerinnungsdiagnostik notwendig.

  • Allergien oder Unverträglichkeiten
  • Einnahme von Thrombozytenaggregationshemmern und Antikoagulantien sowie die Indikation für die Einnahme
 Tipp

Es sollte kritisch hinterfragt werden, ob noch eine Indikation für die Einnahme von Thrombozytenaggregationshemmern oder Antikoagulantien besteht und ob der richtige Wirkstoff sowie die richtige Dosierung für die entsprechende Indikation verwendet wird. So sollte z.B. bei der verlängerten Rezidivprophylaxe einer tiefen Venenthrombose oder Lungenarterienembolie Rivaroxaban in der Dosis nach 6 Monaten Therapie ggf. reduziert werden.

 Achtung

Bei einigen Indikationen, wie z.B. bei einem Zustand nach koronarer Stentimplantation oder einer mechanischen Herzklappe ist die Thrombozytenaggregationshemmung bzw. die Antikoagulation sehr wichtig zur Vermeidung thromboembolischer Ereignisse. Eine Pausierung oder Beendigung der Therapie sollte daher mit erfahrenen Ärzt:innen besprochen werden.

  • Begleitmedikation
    • Dauereinnahme von NSAR erhöht in Kombination mit Antikoagulantien das Risiko für gastrointestinale Blutungen
    • Orale Kontrazeptiva
    • Valproinsäure kann ein erworbenes Von-Willebrand-Jürgens-Syndrom auslösen
    • Wechselwirkungen: z.B. Einnahme von P-Gp-Inhibitoren wie Ketoconazol (➜ systemisch verabreichtes Ketoconazol + Dabigatran = Kontraindikation), SSRI und SNRI können bei einer gleichzeitigen Einnahme mit DOAKs das Blutungsrisiko erhöhen, einige Antidepressiva und einige Antibiotika können die Wirkung von Phenprocoumon verstärken, Carbamazepin kann die Wirkung von Phenprocoumon abschwächen, viele weitere Wechselwirkungen (siehe Fachinformation)
  • Bei Vitamin-K-Antagonisten:
    • Ernährung (Aufnahme von Vitamin K (z.B. über Grünkohl) kann die Wirkung von Vitamin-K-Antagonisten beeinflussen
    • INR-Zielwerte (zugrundeliegende Indikation)
    • Erhaltungsdosis
 Achtung

Bei Patient:innen mit bekannter HIT 2 kann es kurz nach der Applikation von Heparinen zu Komplikationen kommen! Bei einer vorbekannten HIT 2 sollte daher kein Heparin gegeben werden.

 Tipp

Mithilfe einer gründlichen Anamnese zur Blutungsneigung lassen sich meistens ohne eine weitere Diagnostik die Patient:innen mit einer Blutungsneigung identifizieren. Häufig reicht eine kurze Anamnese zur Blutungsneigung und zum Thromboembolierisiko aus, um erste Hinweise zu finden, die Anlass für eine ausführliche Anamnese und weitere Untersuchungen sein können.

Klinische Untersuchung

Hinweise auf eine GI-Blutung
  • Klinische Untersuchung zur Identifikation einer akuten Blutung und Risikofaktoren für eine Blutung oder Thromboembolie zur Abschätzung des Blutungs- und Thromboembolierisikos
    • z.b. Teerstuhl als Hinweis für eine gastrointestinale Blutung
    • Hämatome oder Petechien
    • Leberhautzeichen als Hinweise auf eine Lebererkrankung
    • Unregelmäßiger Puls als Hinweis für ein Vorhofflimmern
    • Ausschluss einer schweren Hypertonie
  • Ggf. sollte präoperativ eine Labordiagnostik erfolgen
    • Je nach Operation und individuellen Risikofaktoren der Patient:innen können unterschiedliche Werte erforderlich sein. Es können unter anderem folgende Werte (in diesem Beispiel Fokus auf Blutgerinnung) enthalten sein:
      • Hämoglobin: präoperative Optimierung (z.B. bei Eisenmangelanämie, ggf. Hinweise auf präoperative nicht entdeckte Blutungen, Verlaufskontrolle)
      • Thrombozytenzahl: insbesondere vor, während und nach Heparingabe ➜ Verlaufskontrolle und ggf. Identifikation einer HIT 2
      • Kreatinin: Dosisanpassung (z.B. von niedermolekularem Heparin oder DOAKs), vor Kontrastmittelgabe
      • aPTT, INR: Beurteilung bezüglich einer möglichen Blutverdünnung (z.B. ausreichend gefallener INR-Wert während präoperativem Bridging)
      • Leukozyten, Natrium, Kalium, AST, Bilirubin
      • Je nach Erkrankungen und klinischen Begleitumständen des/der Patient:in: ggf. Blutzucker, Schilddrüsenwerte, Infektionsdiagnostik (z.B. Test auf HIV- oder Hepatitis C), BNP
      • Ggf. Blutgruppenbestimmung (Kreuzblut): bei ggf. notwendiger Transfusion
 Tipp

Eine Gerinnungsdiagnostik sollte bei Patient:innen mit einer Leberinsuffizienz, Niereninsuffizienz, einer Blutungsneigung, einer Gerinnungsneigung und einer Einnahme von Medikamenten mit einem Einfluss auf die Blutgerinnung (z.B. Thrombozytenaggregationshemmer, Antikoagulantien) durchgeführt werden. Um falsch-positive Befunde zu vermeiden, sollte kein Laborscreening bei Patient:innen ohne Auffälligkeiten (inklusive unauffällige Anamnese) durchgeführt werden.

  • Laborchemische Gerinnungsdiagnostik je nach klinischen Befunden/Gegebenheiten:
    • Unauffällige Blutungs-/Gerinnungsanamnese (siehe Gerinnungsanamnese):
      • Keine Hinweise für eine Leberinsuffizienz, Niereninsuffizienz, eine Blutungsneigung, eine Gerinnungsneigung und keine Angabe einer Einnahme von Medikamenten mit einem Einfluss auf die Blutgerinnung (z.B. Thrombozytenaggregationshemmer, Antikoagulantien)
      • Keine Gerinnungsdiagnostik notwendig
    • Blutungsanamnese nicht durchführbar:
      • aPTT, INR, Fibrinogen, Thrombozytenzahl, Thrombozytenfunktionstest
    • Blutungsanamnese auffällig:
      • aPTT, INR, Fibrinogen, Thrombozytenzahl, Thrombozytenfunktionstest, Thrombinzeit, Von-Willebrand-Faktor-Antigen, Ristocetin-Cofaktor, Faktor 13
      • Je nach Befunden weitere spezifische Gerinnungsteste
    • Nierenerkrankung:
      • aPTT, INR, Fibrinogen, Thrombozytenzahl, Thrombozytenfunktionstest
    • Lebererkrankung:
      • aPTT, INR, Fibrinogen, Thrombozytenzahl, Thrombozytenfunktionstest, Faktoren 2, 5, 7, 10
    • Intraoperative Blutung:
      • aPTT, INR, Fibrinogen, Blutbild (insbesondere Hb-Wert und Hämatokrit-Wert), Thrombozytenzahl, Thrombozytenfunktionstest, Faktor 13, Von-Willebrand-Faktor-Antigen
    • Postoperative Blutung:
      • aPTT, INR, Fibrinogen, Thrombozytenzahl, Thrombozytenfunktionstest, Faktor 13
    • Vorbekannte Thrombozytenfunktionsstörung:
      • aPTT, INR, Fibrinogen, Thrombozytenzahl, Thrombozytenfunktionstest, Faktor 13
    • Vorbekannter Mangel an Gerinnungsfaktoren:
      • aPTT, INR, Fibrinogen
      • Je nach Erkrankung spezifische Gerinnungsteste
  • Ggf. präoperative Untersuchungen (z.B. arterielle Blutgasanalyse, EKG, Röntgen-Thorax, Echokardiographie, Koronarangiographie, Karotis-Duplexsonographie, Pulsoxymetrie, Lungenfunktionsdiagnostik)

Siehe auch perioperativer Umgang mit gerinnungsaktiven Medikamenten.

  • Gemeinsam im Team sollte vor der Operation eine Festlegung der perioperativen Gerinnungsmedikation erfolgen
  • z.B. Fortführung einer Therapie mit Acetylsalicylsäure bei Operationen mit einem geringem Blutungsrisiko und einer koronaren Stentimplantation vor einigen Jahren
  • z.B. Verschiebung einer elektiven Operation bei aktuell bestehender und temporärer Indikation zur dualen Thrombozytenaggregationshemmung bei einer koronaren Stentimplantation vor einem Monat
  • z.B. perioperatives Bridging bei einer Therapie mit einem Vitamin-K-Antagonisten aufgrund einer mechanischen Herzklappe
  • z.B. Beginn einer Therapie mit einem Vitamin-K-Antagonisten (zu Beginn unter paralleler parenteraler Antikoagulation) bei bevorstehendem Ersatz der Aortenklappe mittels einer mechanischen Herzklappe
  • Rechtzeitige Pausierung/Umstellung der gerinnungshemmenden Medikation:
    • P2Y12-Inhibitoren 5-7 Tage vor der Operation pausieren
    • Vitamin-K-Antagonisten 5-8 Tage vor der Operation pausieren und Bridging bei entsprechendem INR einleiten
    • DOAK je nach Blutungsrisiko und GFR 1-4 Tage vorher pausieren
  • Vor einer Operation oder Intervention sollte nach Möglichkeit eine präoperative Optimierung erfolgen
  • Anämie ausgleichen (z.B. Eisensubstitution bei einer Eisenmangelanämie)
  • Ggf. Eigenblutspende (Cell-Saver ®)
  • Balancierter Volumenhaushalt (z.B. diuretische Therapie bei Überwässerung, Volumensubstitution bei Exsikkose)
  • Elektrolytstörungen ausgleichen
  • Optimierung der Herz-Kreislauf-Funktionen: z.B. Optimierung der Medikation in zeitlich ausreichendem Abstand zur Operation (z.B. ß-Blocker >4 Wochen vor der Operation), Blutdruckoptimierung
  • Optimierung der Blutzuckerwerte
  • Optimierung pulmonalen Gegebenheiten (z.B. Atemtherapie, Infekttherapie, Optimierung der Medikation)
  • Je nach Blutungsrisiko ggf. Blutgruppenbestimmung/Kreuzblut und ggf. Bestellung von Erythrozytenkonzentraten (= EK)
    • CAVE: Kreuzblut ist in der Regel 3 Tage gültig. Danach muss erneut Kreuzblut abgenommen werden
    • Eine Einwilligung für eine mögliche Bluttransfusion sollte bereits präoperativ eingeholt werden
    • Es sollte eine bedarfsgerechte Bestellung von EKs erfolgen (begrenzte Verfügbarkeit)
      • Nicht benötigte EKs sollten wieder abbestellt werden
      • Anzahl der zu bestellenden EKs je nach Individuellen Faktoren der Patient:innen, der Operation und den logistischen Gegebenheiten
        • Mehr EKs bei älteren Patient:innen, Blutungsneigung, kardiovaskulären Risikofaktoren etc.
        • Je nach Operation:
          • z.B. Gastrektomie: 2-4; Hüft-TEP-Implantation: 2; abdominale Hysterektomie: 0; offene Bauchaortenaneurysma-OP: 4
        • Abhängig davon, ob kurzfristig EKs zur Verfügung gestellt werden können (z.B. bei eigener Blutbank in der Klinik) und wie lange die Lieferzeiten für EKs durchschnittlich betragen
 Info
Empfehlungen zur Transfusion von Erythrozytenkonzentraten (EK) - unabhängig von Operation:
  • 1 EK hebt den Hb-Wert um ca. 1 g/dl
  • Indikationsstellung: nach Hb-Wert, Dynamik des Hb-Wert-Abfalls, Symptomen, Risikofaktoren wie pulmonale und kardiale Vorerkrankungen und der hämodynamischen Situation
  • Hb-Zielwert: 7-9 g/dl
Hb-Wert in g/dlKompensation/RisikofaktorenEmpfehlung
<7Unabhängig von Risikofaktorenja
7-7,9Kompensiert, keine Risikofaktorennein

Eingeschränkt kompensiert

oder Risikofaktoren

ja
Anämische Hypoxie*ja
8-9,9Anämische Hypoxie*ja
>10Unabhängig von Risikofaktorennein

*Zeichen einer anämischen Hypoxie: Tachykardie, Hypotonie, Dyspnoe, neue ischämietypische EKG-Veränderungen, neue Wandbewegungsstörungen  (Echo), Laktatazidose, reduzierte zentralvenöse Sättigung (<65-70%)

Zuletzt aktualisiert am 24.01.2025
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