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Psychische Einflussfaktoren in der Sexualität

psychologische Faktoren der Sexualität, Sexualtherapie, Sexuelle Störung, Sexuelles Ungleichgewicht
EP
6 Minuten Lesezeit

Sexualität wird durch ein Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren beeinflusst. Neben körperlichen Voraussetzungen können beispielsweise Stress, Angst, depressive Symptome, negative Körperwahrnehmung, sexuelle Leistungsängste, dysfunktionale Erwartungen und partnerschaftliche Konflikte das sexuelle Verlangen, die Erregung oder den Orgasmus beeinflussen. Umgekehrt können anhaltende sexuelle Probleme psychische Belastungen und Beziehungsprobleme verstärken. Daher sollte Sexualität nicht isoliert, sondern im Rahmen eines biopsychosozialen Modells betrachtet werden.

Sexuelle Störungen umfassen Beeinträchtigungen des sexuellen Verlangens, der Erregung, des Orgasmus oder Schmerzen im Zusammenhang mit sexueller Aktivität. Für die klinische Relevanz ist insbesondere der subjektive Leidensdruck bzw. eine relevante Beeinträchtigung entscheidend. Psychische Faktoren können dabei sowohl zur Entstehung als auch zur Aufrechterhaltung sexueller Beschwerden beitragen.

Die Sexualtherapie umfasst verschiedene psychotherapeutische und verhaltensorientierte Verfahren. Zu den klassischen Ansätzen von Masters und Johnson gehört der Sensate Focus, bei dem zunächst nicht leistungsorientierte körperliche Nähe und Wahrnehmung im Vordergrund stehen. Moderne Sexualtherapie kann zudem Psychoedukation, kognitiv-verhaltenstherapeutische Methoden und Paartherapie einsetzen. Die heutige Evidenz spricht vornehmlich für den Nutzen kognitiv-verhaltenstherapeutischer Ansätze bei verschiedenen sexuellen Funktionsstörungen, wobei die Evidenz je nach Störungsbild unterschiedlich stark ist.

 Merke

Sexualität ist biopsychosozial bestimmt; psychische Faktoren können sexuelle Störungen auslösen oder aufrechterhalten, während Sexualtherapie durch Psychoedukation, kognitive und verhaltensorientierte sowie partnerschaftliche Interventionen zur Verbesserung der sexuellen Funktion beitragen kann.

Sexuelles Erleben ist nicht nur biologisch, sondern stark psychisch und sozial geprägt. 

  • Häufig entstehen sexuelle Probleme durch eine sexualfeindliche Erziehung (Tabuisierung), fehlendes Wissen und gesellschaftliche Normen, die Schuld-, Scham- und Angstgefühle auslösen können
  • Zusätzlich können Leistungsdruck (eigene Erwartungen oder Erwartungen des/der Partner*in), Partnerschaftsprobleme (Kommunikations- / Verhaltensdefizite), eine geringe Akzeptanz des eigenen Körpers sowie nicht zueinander passende sexuelle Wünsche/Vorlieben die Sexualität belasten
  • Auch psychische Erkrankungen wirken: Bei Depressionen kommt es häufig zu verminderter sexueller Appetenz (Libido)
 Definition

Sexuelle Störungen umfassen Beeinträchtigungen des sexuellen Erlebens und Verhaltens, die sich entweder als Störungen des sexuellen Reaktionszyklus (Funktionsstörungen) oder als abweichende sexuelle Präferenzen (Paraphilien) zeigen und mit Leidensdruck verbunden sind. Ursachen können sowohl psychischer als auch körperlicher Natur sein und wirken häufig gemeinsam auf die Sexualfunktion ein.

Grundsätzlich lassen sich zwei Gruppen unterscheiden:

  • Sexuelle Funktionsstörungen: Störungen im Ablauf des sexuellen Reaktionszyklus (mit Leidensdruck), Ursachen können somatisch oder psychisch sein
    • Ein Hinweis auf psychische Mitursachen ist z. B. eine stark schwankende oder ausbleibende Sexualfunktion, obwohl keine klare körperliche Ursache greifbar ist
  • Sexuelle Abweichungen (Paraphilien): Unübliche Reize  /Vorlieben stehen im Zentrum der Erregung; sie werden gesellschaftlich meist nicht geteilt

Wichtige sexuelle Funktionsstörungen:

1) Hypoaktives sexuelles Verlangen

  • Anhaltend verminderte Lust bzw. Verlust von Interesse an sexueller Aktivität

2) Sexuelle Erregungsstörungen

  • Erektionsstörung (Mann): Erektion reicht in Dauer / Stärke nicht für befriedigenden Geschlechtsverkehr. Psychische Ursachen (z. B. Erwartungsangst) sind möglich
  • Erregungsstörung (Frau): Während der Erregungsphase kommt es zu wenig / keiner Lubrikation
    • Typisch: Libido bei Masturbation oft normal, keine eindeutigen körperlichen Einschränkungen

3) Orgasmus- und Ejakulationsstörungen

  • Orgasmus tritt zu früh, zu spät auf oder bleibt aus
  • Ausbleibender Orgasmus: Beim Mann Ejaculatio deficiens, bei der Frau Anorgasmie

4) Sexuelle Schmerzstörungen

  • Ausgeprägte, anhaltende oder wiederkehrende Schmerzen bei sexueller Aktivität
  • Wichtige Beispiele:
    • Vaginismus: Krampfartige Anspannung der Beckenbodenmuskulatur beim Eindringen (auch bei Untersuchung)
    • Dyspareunie: Schmerzen beim Geschlechtsverkehr; häufig mit körperlichen Faktoren assoziiert (z. B. postpartale Folgen)

Paraphile Störungen (Beispiele): 

Paraphilien sind sexuelle Präferenzen / Handlungen, die über „typische“ Vorlieben hinausgehen und Leidensdruck verursachen oder nicht-einvernehmliche Aspekte beinhalten können.

  • Exhibitionismus: Entblößen der Genitalien vor ahnungslosen Personen (Erregungssteigerung durch Angst / Schrecken des Gegenübers)
  • Voyeurismus: Sexuelle Erregung durch Beobachten ahnungsloser, nackter / teilentkleideter Personen oder sexueller Handlungen
  • Frotteurismus: Berühren / Reiben an einer nicht einwilligenden Person, typischerweise in der Öffentlichkeit
  • Sadismus / Masochismus: Lust durch Zufügen bzw. Erleben von körperlichem / psychischem Schmerz
  • Pädophilie: Sexuelles Interesse an Kindern vor der Pubertät
 Definition

Sexualtherapie (u. a. nach Masters & Johnson) zielt darauf ab, sexuelle Funktionsprobleme und belastende Einstellungen zu verändern. 

Die moderne Sexualtherapie orientiert sich an einem biopsychosozialen Verständnis sexueller Funktionsstörungen. Je nach Beschwerdebild kommen unter anderem Psychoedukation, kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren, Verhaltensübungen, paartherapeutische Interventionen und körperorientierte Methoden zum Einsatz. Ein klassischer Ansatz ist der Sensate Focus nach Masters und Johnson. Dabei werden zunächst nicht leistungsorientierte Berührungen und die bewusste Wahrnehmung körperlicher Empfindungen in den Mittelpunkt gestellt. Auf diese Weise soll insbesondere die Fokussierung auf sexuelle „Leistung“ reduziert werden.

Für kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen bei sexuellen Funktionsstörungen liegt inzwischen empirische Evidenz vor. 

  • Eine aktuelle Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien zeigte Verbesserungen der sexuellen Funktion bei Frauen unter kognitiver Verhaltenstherapie gegenüber Kontrollbedingungen
  • Die Qualität der Evidenz war jedoch abhängig vom jeweiligen Vergleich und Untersuchungszeitpunkt teilweise eingeschränkt

Bei sexuellen Funktionsstörungen sollte eine psychotherapeutische Behandlung immer in einen angemessenen medizinischen Abklärungsprozess eingebettet werden. Körperliche Erkrankungen, Medikamente, hormonelle Faktoren und weitere organische Ursachen können zur Entstehung oder Aufrechterhaltung sexueller Beschwerden beitragen. Dies zeigt sich beispielsweise bei der erektilen Dysfunktion, bei der psychische und körperliche Einflussfaktoren häufig miteinander verbunden sind.

Typische Bausteine sind:

  • Aufklärung & Informationsvermittlung (Wissen über Sexualität, Reaktionen, „Normalität“)
  • Abbau von Leistungsangst und Erwartungsdruck
  • Verbesserung der Kommunikation zwischen Sexualpartner*innen
  • Erlernen sexueller Techniken / Übungen sowie Sensibilisierung für eigene Erregung (z. B. über körperbezogene Übungen / selbstexplorative Techniken)
  • Häufig als Paar- / Partnertherapie durchgeführt, wenn die Problematik stark beziehungsbezogen ist
  • Masters WH, Johnson VE. Human Sexual Inadequacy. Boston: Little, Brown; 1970. ISBN 9780700001934.
  • Liu M, Wang Y, Zheng L, Gao Y, Zhao I, Gu X, Yao L, Ge L, Tian J, Zhang K. Cognitive behavior therapy for female sexual dysfunction: a systematic review and meta-analysis. Sex Med Rev 2025;13(2):202-210. DOI: 10.1093/sxmrev/qeaf010.
  • Meston CM, Bradford A, et al. Psychological and interpersonal dimensions of sexual function and dysfunction: recommendations from the fifth international consultation on sexual medicine (ICSM 2024). J Sex Med 2025.
  • McCabe MP. Evaluation of a cognitive behavior therapy program for people with sexual dysfunction. J Sex Marital Ther2001;27(3):259-271. DOI: 10.1080/009262301750257119.
  • Althof SE, et al. Efficacy of psychosocial interventions in men and women with sexual dysfunctions – a systematic review of controlled clinical trials: part 1 – the efficacy of psychosocial interventions for male sexual dysfunction. J Sex Med 2013;10(5):1163-1174.
Zuletzt aktualisiert am 17.08.2026
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