Code Pulmo - Atemwegserkrankungen jenseits der Notfallroutine
13 Minuten Lesezeit
Nicht jede Dyspnoe ist ein klassischer Notfall, wie z.B. das Lungenödem oder die Lungenembolie. Im Einsatz begegnen Notfallsanitäter:innen häufig auch Krankheitsbildern mit pulmonaler Beteiligung, die nicht im Fokus der klassischen Notfallversorgung stehen.
Dieser Artikel beleuchtet sieben solcher Diagnosen mit klinischer Einordnung, rettungsdienstlicher Relevanz, typischen Befunden und pragmatischen Handlungsempfehlungen.
Die hier dargestellten pulmonalen Krankheitsbilder fordern Notfallsanitäter:innen in der Differenzialdiagnostik, da sie sich oft durch unspezifische Dyspnoe äußern. Gerade bei älteren, vorerkrankten oder onkologisch betreuten Patient:innen ist eine gründliche Anamnese und klinische Einschätzung essenziell.
Auch ohne unmittelbaren Interventionsbedarf muss das Rettungsfachpersonal entscheiden, ob eine stationäre Abklärung notwendig ist, etwa zur Diagnosesicherung, Symptomkontrolle oder Therapieanpassung. Die strukturierte Vorbereitung der Übergabe, das Einordnen von Komplikationen und das frühzeitige Handeln im Rahmen des eigenen Kompetenzbereichs sind entscheidend für eine patientenzentrierte präklinische Versorgung.
Das Lungenkarzinom (Bronchialkarzinom) ist eine der häufigsten Todesursachen unter den malignen Erkrankungen und betrifft vor allem ältere Patient:innen mit einer langjährigen Raucherbiografie. Neben dem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC) als häufigster Form existieren kleinzellige Varianten (SCLC), die rasch progredient verlaufen. Die Symptomatik ist häufig unspezifisch, was zu einer späten Diagnosestellung führt.
Merke
Der größte Risikofaktor für die Entwicklung eines Lungenkarzinoms ist Rauchen.
Symptome:
Progrediente Dyspnoe, Husten mit oder ohne Blutbeimengung (Hämoptyse)
Thorakale Schmerzen, Heiserkeit, Stridor bei zentralem Tumorwachstum
B-Symptomatik: Nachtschweiß, Fieber und Gewichtsverlust
Info
B-Symptomatik
Die B-Symptomatik ist eine Symptomtrias, die insbesondere bei malignen Lymphomen, aber auch bei anderen Krebserkrankungen auftreten kann:
Nachtschweiß (nass schwitzend, dass die Bettwäsche gewechselt werden muss)
Fieber (> 38 °C)
Gewichtsverlust (von mind. 10 % des Körpergewichts innerhalb von 6 Monaten)
Maßnahmen im Einsatz
Sauerstoffgabe bei SpO₂ < 92 %, jedoch bei Vorerkrankungen wie COPDstrengtitriert (Ziel SpO2: 88-92 %)
Bei blutigem Auswurf: Absaugung erwägen und Lagerung zur betroffenen Seite zur Aspirationsprophylaxe
Vitalzeichenmonitoring (RR, SpO2, EKG)
Psychologische Begleitung bei Verdacht auf Erstmanifestation oder palliativen Verlauf
Kommunikation mit Angehörigen und ärztlichem Hintergrunddienst
Komplikationen
Bronchialobstruktion mit konsekutiver Atelektase und Infektanfälligkeit
Pneumonie
Pleuraergüsse mit Einschränkung der Atemmechanik
Schnelle Hilfe verschafft hier eine Oberkörperhochlagerung, um die apikalen Bereich der Lungen belüften zu können
Blutungen
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Die Lungenkontusion ist eine häufige Folge stumpfer Thoraxtraumata. Sie führt zu kapillarer Einblutung ins Alveolarinterstitium mit Ausbildung eines lokalen Ödems. Die ventilatorische Funktion kann hierdurch erheblich eingeschränkt sein, wobei Symptome initial oft fehlen und sich im Verlauf verschlechtern.
Krepitationen, Hämatome oder Rippenserienfraktur als Hinweis auf ein schweres Trauma
Paradoxe Atembewegungen bei begleitender Rippenserienfraktur
Achtung
Verzögerte Symptomatik beachten: auch asymptomatische Patient:innen können im Verlauf dekompensieren
Paradoxe Atmung bei Rippenserienfraktur
Maßnahmen im Einsatz
Hochlagerung des Oberkörpers zur Verbesserung der Atemmechanik
SauerstoffgabetitriertnachSättigung und klinischer Symptomatik
Analgetikagabe zur Vermeidung einer Schonatmung (z.B. Esketamin oder Opioide)
Ggf. Atemunterstützung mit CPAP bei zunehmender Dyspnoe
Schonender Transport unter kontinuierlicher Überwachung
Komplikationen
Verschlechterung durch verzögertes Ödemwachstum
Durch die Verzögerung kann es auch sein, dass eine direkte Schlussfolgerung zwischen akut bestehenden Beschwerden und dem vorliegenden Krankheitsbild initial schwerfällt
Sekundäre Pneumonie aufgrund eingeschränkter Clearance
Entwicklung eines ARDS (acute respiratory distress syndrome = akutes Lungenversagen) mit respiratorischer Insuffizienz
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Die Zwerchfellruptur stellt eine seltene, aber gefährliche Folge stumpfer Traumata dar. Meist betroffen ist die linke Seite aufgrund der schützenden Leber auf der rechten Seite. Abdominalorgane wie Magen, Darm oder Milz können durch die Ruptur in den Thoraxraum verlagert werden, was zur Kompression der Lunge und kardiopulmonaler Instabilität führt.
Symptome:
Atemnot bei unklarem Thorax-/Bauchtrauma
Paradoxe Atmung oder fehlendes Atemgeräusch auf der betroffenen Seite
Instabiler Kreislauf, Übelkeit
Diagnostik:
Palpation: Abwehrspannung im Abdomen
Auskultation: ggf. Darmgeräusche im Thorax
Maßnahmen im Einsatz
Oberkörperhochlagerung zur Entlastung der Lunge
Kein Beuteldruck-Maskenventil ohne Sicherung des Atemwegs → rasche Intubation erwägen
Bei bewusstlosen Patient:innen: rasche Atemwegssicherung und Kreislaufstabilisierung
Zielklinikwahl: Traumazentrum mit chirurgischer Versorgung
Komplikationen
Respiratorische Dekompensation
Strangulation oder Ischämie abdomineller Organe mit nekrotischer Transformation
Verdrängung des Mediastinums mit kardialer Beeinträchtigung
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Definition
Asphyxie ist eine lebensbedrohlicheHypoxie infolge einer StörungderAtmungoder des Gasaustauschs, häufig verursacht durch Atemwegsverlegung oder andere Formen der Ateminsuffizienz.
Typische Beispiele sind:
Strangulation
Ertrinken
Verlegung der Atemwege
Einklemmung / Verschüttung
Achtung
Innerhalb weniger Minuten droht ein hypoxischer Kreislaufstillstand.
Symptome:
Zyanose, Strangulationszeichen
Tachykardie mit Übergang in Bradykardie, schließlich Asystolie
Bei Kindern: häufig initiale Bradykardie durch Vagusreiz und insbesondere juguläre Einziehungen
Auch bei Erwachsenen kann es bei einer akuten mechanischen Atemwegsverlegung zu einer sogenannten inversenAtmung kommen:
Dabei verhält sich die Bauchbewegung konträr zum physiologischen Vorgang → Einatmung: Bauch wölbt sich vor + Brust zieht sich nach innen → Ausatmung: Bauch zieht sich nach innen + Brust wölbt sich nach außen
Bewusstseinseintrübung
Maßnahmen im Einsatz
Atemwegssicherung je nach Bewusstseinslage (Absaugung, Intubation, ggf. Koniotomie)
Sauerstoffgabe mit hohem Flow, ggf. PEEP bei Lungenödem
Reanimation bei Herz-Kreislaufstillstand
Identifikation und Behandlung der Ursache (z.B. Fremdkörperentfernung)
Notarztindikation bei unklarer Bewusstlosigkeit oder persistierender Hypoxie
Komplikationen
Hypoxischer Hirnschaden
Sekundäre Lungeninfektion durch Aspiration
Posthypoxisches Myokardversagen
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Die akute Bronchitis ist häufig viral (z.B. Rhinoviren, Influenza) und betrifft die großen Atemwege. Der Verlauf ist meist unkompliziert, bei vulnerablen Gruppen kann sie jedoch in eine Pneumonie übergehen oder eine Exazerbation chronischer Erkrankungen auslösen.
Symptome:
Husten (trocken oder produktiv), Brustschmerz
Allgemeine Abgeschlagenheit, ggf. Fieber
Dyspnoe bei prädisponierten Patient:innen
Ausschluss schwerer Verläufe bei geriatrischen oder multimorbiden Personen
Info
Husten ist nicht gleich Husten
Trockener Husten, auch als unproduktiver Husten bezeichnet, ist eine Form des Hustens, bei der kein Schleim oder Sekret abgehustet wird.
Demgegenüber steht ein produktiver Husten, bei dem Schleim oder Sekret aus den Atemwegen abgehustet wird. Der Begriff "Sputum" bezeichnet eine Mischung aus Schleim, Sekret und Zellen, die aus den Atemwegen abgestoßen werden.
Klinische Untersuchung zur Differenzierung von Pneumonie, Asthma, COPD
Insbesondere der Verlauf, der Auskultationsbefund sowie Begleitsymptome helfen bei der Differenzierung
Sauerstoffgabe bei SpO₂ < 92 %
Ggf. Inhalationstherapie mit Beta-2-Mimetika
Aufklärung über Verlauf, ggf. Empfehlung zur hausärztlichen Abklärung
Merke
Quick and Dirty: Auskultation Atmung
Hier eine kleine Merkhilfe für wichtige Atemnebengeräusche:
Erkrankung
Atemnebengeräusch
COPD
Giemen, Brummen ubiquitär (=überall)
Asthma bronchiale
Exspiratorsicher Stridor → klingt wie ein Pfeifen
Pneumonie
Feinblasige Rasselgeräusche → klingt eher wie kleine Wasserbläschen, wie Luft durch einen Strohhalm in Flüssigkeit zu pusten
Lungenödem
Grobblasige Rasselgeräusche → klingt eher wie große Wasserblasen, wie ein Wasserkocher oder eine Wasserpfeife (Shisha)
Wichtig: DieAuskultation sollte immer an mehreren Punkten erfolgen. Der Auskultationsbefund bildet nur Pathologien ab, die wenige Zentimeter vom Stethoskop entfernt sind und bildet entsprechend nicht direkt den ganzen Thorax ab.
Komplikationen
Bakterielle Superinfektion:
Dabei tritt zunächst eine virale Infektion auf
Das vulnerable Gewebe wird dann zusätzlich durch Bakterien infiziert
Pneumonieentwicklung, v. a. bei geschwächtem Immunsystem
Exazerbation chronischer Erkrankungen
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Die Pneumonie ist eine häufige Ursache für Rettungsdiensteinsätze. Sie kann ambulant erworben (CAP = community acquired pneumonia) oder nosokomial (HAP = hospital acquired pneumonia) auftreten. Typische Erreger sind Pneumokokken, Haemophilus influenzae, aber auch SARS-CoV-2.
Merke
Die Symptomatik ist abhängig vom Allgemeinzustand und Komorbiditäten.
Der qSOFA-Score (quick Sepsis Related Organ Failure Assessment) dient der schnellen Einschätzung des Sepsis-Risikos bei
Patient:innen mit Infektionen. Ziel ist es, frühzeitig eine mögliche septische Organdysfunktion zu erkennen und dadurch eine zeitkritische Therapie einzuleiten.
Maßnahmen im Einsatz
Sauerstoffgabe titriert auf SpO₂ > 92 %
Ggf. CPAP bei respiratorischer Insuffizienz
Volumenersatz bei Sepsis (z.B. kristalloide Infusionen)
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Das Emphysem entsteht durch Zerstörung alveolärer Strukturen. Die Compliance der Lunge nimmt zu, der Gasaustausch verschlechtert sich. Emphysem-Patient:innen weisen ein erhöhtes Risiko für pneumothorakale Ereignisse und respiratorische Dekompensation auf.
Symptome:
Atemnot mit verlängertem Exspirium
Fassthorax, ausgeprägter Einsatz der Atemhilfsmuskulatur
Merke
Auf Exazerbation oder Infekt achten.
Diagnostik:
Perkussion: hypersonorer Klopfschall
Auskultation: verminderte Atemgeräusche
Maßnahmen im Einsatz
Sauerstoffgabe streng kontrolliert (nicht > 2–3 l/min bei CO₂-Retention)
Inhalative Therapie (Salbutamol + Ipratropium)
NIV (nicht-invasive Ventilation) bei Erschöpfung oder respiratorischer Azidose
Bei Pneumothorax-Verdacht: Auskultation und Notarztindikation
Komplikationen
CO₂-Narkose
Pneumothorax durch bullöse Ruptur
Respiratorische Azidose bei Erschöpfung
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