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Schlaganfall (RettSan)

Apoplex, Hirninfarkt, Hirnblutung
28 Minuten Lesezeit

Bei einem Schlaganfall ist die Durchblutung eines Teils des Gehirns gestört. Meist liegt ein Gefäßverschluss vor, etwa durch eine Embolie oder ein Blutgerinnsel an einer verengten Arterie. Das dahinterliegende Hirngewebe wird dann nicht mehr ausreichend versorgt (ischämischer Schlaganfall). Seltener ist eine Blutung die Ursache (hämorrhagischer Schlaganfall).

Die Hauptziele des Rettungsdienstes bei Verdacht auf einen Schlaganfall sind, die Warnsymptome schnell zu erkennen, die Vitalfunktionen zu sichern und den Patienten zügig in eine Klinik mit Stroke Unit zu bringen. Ob ein Gefäßverschluss oder eine Blutung vorliegt, lässt sich erst mit einer Bildgebung in der Klinik klären; erst dann kann eine spezifische Therapie beginnen. Deshalb soll die Zeit vor Ort so kurz wie möglich sein. Der Patient soll spätestens 60 Minuten nach Eingang des Notrufs in der Zielklinik sein.

Um den Einstieg in das Thema Schlaganfall etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: Schlaganfall im Lysefenster
  • Ort: Wohnung, 2. Stock
  • Alarmzeit: 14:17 Uhr
  • Anrufer:in: Ehefrau des Betroffenen
  • Anzahl der Betroffenen: 1
  • Zusatzinfo:
    • Männlich, 68 Jahre alt
    • Plötzliche Sprachstörung
    • Lähmung der linken Körperhälfte

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen des Rettungsdienstes sitzt der Patient auf einem Stuhl in der Küche. Die Ehefrau hat die Tür geöffnet und wirkt besorgt.

Die Lage ist wie folgt:

  • Der Patient ist wach und ansprechbar
  • Eine Sprachstörung (verwaschene Sprache) fällt auf
  • Die Ehefrau berichtet, dass ihr Mann plötzlich nicht mehr richtig sprechen konnte und das linke Bein beim Gehen nachgezogen hat
  • Anschließend habe er sich auf den Stuhl gesetzt und sei immer verwirrter geworden, weshalb sie den Notruf gewählt habe
Fallbeispiel: Schlaganfall (RD)

Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema

x

Kein aktiver äußerer Blutverlust sichtbar

Kein
x-Problem

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute rosig
  • Patient spricht selbstständig, allerdings fällt eine Sprachstörung (verwaschene Sprache) auf

Kein
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursion beidseits physiologisch
    • Keine Halsvenenstauung sichtbar
    • Normofrequente Atmung, 15/min
  • Auskultatorisch:
    • Normales Atemgeräusch beidseits
  • Palpatorisch:
    • Thorax insgesamt stabil
  • SpO₂: 96 %

Kein
B-Problem

C

  • Hautkolorit rosig
  • Rekap-Zeit: 2 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk (A. radialis):
    • Arrhythmisch
    • Gut tastbar
    • Tachykard, 115/min
  • Blutdruck: 178/95 mmHg

Mittelbares
C-Problem

D

  • Wach, ansprechbar
  • GCS 13
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 3
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel
  • BE-FAST:
    • Balance: keine Gleichgewichtsstörung
    • Eyes: keine Sehstörung
    • Face: keine Gesichtsauffälligkeiten
    • Arms: Hemiparese links
    • Speech: Verwaschene Sprache
    • Time: Symptombeginn vor 30 Minuten

Akutes
D-Problem

E

  • Keine Verletzungen ersichtlich
  • Temperatur: 36,9 °C
  • Symptome:
    • Sprachstörung
    • Hemiparese links
    • Zunehmende Verwirrung
  • Allergien/Infektionen: Keine Allergien bekannt
  • Medikamente:
    • Dauermedikation: Bisoprolol, Ramipril, Edoxaban, Atorvastatin, Hydrochlorothiazid (HCT)
  • Patientengeschichte: Vorhofflimmern, arterielle Hypertonie, Hypercholesterinämie
  • Letzte Mahlzeit: Frühstück, um ca. 09:30 Uhr
  • Ereignis: Plötzlich aufgetretene Sprachstörung und Lähmung des linken Beins und linken Arms
  • Risikofaktoren: Vorhofflimmern, arterielle Hypertonie, Hypercholesterinämie

Kein
E-Problem

Definition
Schlaganfall

Unter dem Begriff Schlaganfall werden Durchblutungsstörungen des Gehirns zusammengefasst. Dazu gehören sowohl ischämische Schlaganfälle als auch hämorrhagische Schlaganfälle.

Zwei Formen werden unterschieden:

  • Ischämischer Schlaganfall (ca. 80 bis 85 %): Verschluss eines Hirngefäßes
  • Hämorrhagischer Schlaganfall: intrazerebrale Blutung (ca. 10 bis 15 %) in das Hirngewebe oder Subarachnoidalblutung (ca. 5 %) zwischen Gehirn und Hirnhäute
Schlaganfall: Einteilung Ischämisch und Hämorrhagisch
Ischämischer und hämorrhagischer Schlaganfall
Definition
Transitorische ischämische Attacke (TIA)

Die transitorische ischämische Attacke (TIA) ist eine vorübergehende neurologische Funktionsstörung, die durch eine kurzzeitige fokale Minderdurchblutung des Gehirns verursacht wird.

Charakteristisch ist, dass sich die neurologischen Ausfälle vollständig zurückbilden und keine nachweisbare dauerhafte Schädigung des zentralen Nervensystems zurückbleibt.

Info

Der Begriff „Apoplex" wird derzeit nicht mehr für das Krankheitsbild verwendet. In älteren Arztbriefen oder im Patient:innengespräch kann er weiterhin auftauchen.

Risikofaktoren

  • Bluthochdruck
  • Diabetes mellitus
  • Übergewicht, Alkoholabusus, Nikotinabusus
  • Vorhofflimmern
  • Verengung der Halsschlagader
  • Erhöhte Blutfette

Ursachen

Ischämischer SchlaganfallHämorrhagischer Schlaganfall
Atherosklerose: Gefäßverkalkungen führen zu Verengungen oder Verschlüssen hirnversorgender ArterienArterielle Hypertonie: Langjährig erhöhter Blutdruck schädigt die Gefäßwände und begünstigt Gefäßrupturen
Kardiale Embolien: Blutgerinnsel aus dem Herzen verschließen Hirnarterien, z.B. bei VorhofflimmernAneurysmaruptur: Eine Gefäßaussackung reißt und verursacht eine Hirnblutung, häufig eine Subarachnoidalblutung
Dissektionen: Einriss der Gefäßwand mit nachfolgender Einengung oder Verschluss des GefäßesGerinnungsstörungen oder Antikoagulation: Erhöhte Blutungsneigung durch Erkrankungen oder Medikamente
 Merke

Vorhofflimmern ist eine der häufigsten Quellen für Blutgerinnsel aus dem Herzen, langjähriger Bluthochdruck die häufigste Ursache einer intrazerebralen Blutung.

Blutversorgung des Gehirns

Das Gehirn wird über die beiden inneren Halsschlagadern (A. carotis interna) und die beiden Wirbelarterien (A. vertebralis) versorgt. Nervenzellen besitzen kaum Energiespeicher und brauchen eine kontinuierliche Zufuhr von Sauerstoff und Glukose. Ein Gefäßverschluss führt innerhalb weniger Minuten zu Ausfällen.

Verlauf der A. cerebri anterior und A. cerebri posterior
Verlauf der A. cerebri anterior und A. cerebri posterior

Ischämischer Schlaganfall

Penumbra
Penumbra
  1. Ein Blutgerinnsel verschließt eine Hirnarterie
  2. Das Hirngewebe dahinter bekommt zu wenig Sauerstoff und Glukose
  3. Die Nervenzellen können keine Energie mehr gewinnen
  4. Hält der Mangel an, sterben die Nervenzellen ab
 Definition
Penumbra und ischämisches Gewebe
  • Ischämischer Kern: Irreversibel geschädigtes Gewebe
  • Penumbra: Noch vitales, aber gefährdetes Gewebe, das durch schnelle Reperfusion (Thrombolyse/Thrombektomie) gerettet werden kann

Hämorrhagischer Schlaganfall

Ein hämorrhagischer Schlaganfall entsteht, wenn ein Hirngefäß plötzlich einreißt und Blut austritt. Man unterscheidet zwei Formen:

  • Intrazerebrale Blutung (ICB): Blutung direkt in das Hirngewebe. Sie ist die häufigste Form und wird oft durch langjährigen Bluthochdruck begünstigt
  • Subarachnoidalblutung (SAB): Blutung in den Raum zwischen Gehirn und Hirnhaut, meist durch das Einreißen eines Aneurysmas. Typisch ist ein plötzlich einsetzender, stärkster Kopfschmerz („Vernichtungskopfschmerz“), häufig mit Nackensteifigkeit

Bei beiden Formen wird das Gehirn auf zwei Wegen geschädigt:

  • Raumforderung: Das Blutvolumen drückt auf das umliegende Hirngewebe
  • Schwellung: Das ausgetretene Blut reizt das Gewebe, es schwillt an (Hirnödem)
 Merke

Weil der Schädel nicht nachgeben kann, steigt der Hirndruck. Die Folge können Bewusstseinsstörungen bis hin zur Bewusstlosigkeit sein.

Folgen für den Hirndruck

Gehirn, Liquor und Blut befinden sich im Schädel in einem starren Raum. Nimmt eines davon zu, z.B. durch eine Blutung oder Schwellung, muss ein anderes weichen. Ist dieser Ausgleich erschöpft, steigt der Druck im Schädel, die Durchblutung des Gehirns nimmt ab und das Gehirn kann eingeklemmt werden.

 Achtung
Hirndruckanstieg

Ein steigender Hirndruck ist lebensbedrohlich, weil er die Atmung lähmen kann. Erste Zeichen sind zunehmende Vigilanzminderung, Erbrechen, starke Kopfschmerzen und ungleich große Pupillen (= Anisokorie). Hoher Blutdruck, Bradykardie und unregelmäßige Atmung (= Cushing-Trias) sind ein spätes Warnzeichen.

 Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme beim Schlaganfall
  • Zeit: Nervenzellen sterben innerhalb von Minuten ab, die Penumbra ist nur durch rasche Reperfusion zu retten
  • Blutung oder Verschluss: Beide sehen am Einsatzort gleich aus, werden in der Klinik aber gegensätzlich behandelt
  • Hirndruck: Blutung und Schwellung erhöhen den Druck bis zur Einklemmung
  • Atemwege: Schluckstörung, Erbrechen und Vigilanzminderung drohen mit Aspiration (= Einatmen von Speichel oder Erbrochenem)
 Merke

Leitsymptom: plötzlich einsetzende neurologische Ausfälle.

Typische neurologische Ausfälle können je nach betroffenem Hirnareal unterschiedlich ausgeprägt sein. Dazu gehören:

  • Plötzlich einsetzende Lähmung oder Schwäche einer Körperseite (= Hemiparese)
  • Einseitige Sensibilitätsstörungen wie Kribbeln oder Taubheit
  • Hängender Mundwinkel und Dysarthrie
  • Sprachstörungen mit gestörter Sprachproduktion oder eingeschränktem Sprachverständnis
  • Sehstörungen wie Doppelbilder oder Gesichtsfeldausfälle
  • Bewusstseins- oder Orientierungsstörungen
  • Schwindel mit Gangunsicherheit oder Koordinationsstörungen
  • Plötzlich auftretende starke Kopfschmerzen, insbesondere bei hämorrhagischen Schlaganfällen
  • Übelkeit und Erbrechen
Symptome eines Schlaganfalls
Symptome eines Schlaganfalls
 Info
TIA und Wake-up-Stroke

Bilden sich die Ausfälle innerhalb kurzer Zeit vollständig zurück, spricht das für eine transitorische ischämische Attacke (TIA). Sie ist trotzdem ein Notfall, weil in den folgenden Tagen ein Schlaganfall droht. Vor Ort lässt sich eine TIA nicht sicher von einem Schlaganfall unterscheiden. Patient:innen werden deshalb genauso versorgt und in eine Stroke Unit gebracht, auch wenn die Beschwerden verschwunden sind.

Werden die Ausfälle erst beim Aufwachen bemerkt (Wake-up-Stroke), ist der Symptombeginn unbekannt. Entscheidend ist dann, wann die betroffene Person zuletzt beschwerdefrei gesehen wurde. Diesen Zeitpunkt sollte der Rettungsdienst erfragen und an die Klinik weitergeben. Auch bei einem Wake-up-Stroke ist eine Therapie oft noch möglich.

 Achtung
Red Flags
  • Vigilanzminderung bis zur Bewusstlosigkeit
  • Zeichen eines Hirndruckanstiegs: Erbrechen, ungleich große Pupillen, hoher Blutdruck mit langsamem Puls
  • Schluckstörung oder Erbrechen mit Aspirationsgefahr
  • Atemstörung
  • Plötzlicher stärkster Kopfschmerz mit Nackensteifigkeit
  • Krampfanfall

Die Auswahl ist beispielhaft und nennt häufig auftretende Zeichen. Das Nachfordern liegt immer im Ermessen des jeweiligen Teams.

 Merke

Jeder plötzliche neurologische Ausfall gilt vorerst als Verdacht auf einen Schlaganfall. Entscheidend zur Diagnostik vor Ort sind BE-FAST, Symptombeginn und Blutzucker.

Anamnese

Für die Befragung hilft das SAMPLER(S)-Schema:

  • S (Symptome): Plötzliche Halbseitenlähmung, Sprach-, Seh- oder Gleichgewichtsstörung, Kopfschmerzen, Bewusstseinsstörung
  • A (Allergien/Infektionen): Allergien, Infektzeichen wie Fieber oder Nackensteifigkeit
  • M (Medikation): Gerinnungshemmende Medikamente, z.B. Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmer, mit letzter Einnahme
  • P (Patientengeschichte): Vorhofflimmern, arterielle Hypertonie, frühere TIA oder Schlaganfälle
  • L (Letzte…): Zeitpunkt der letzten Symptomfreiheit, letzte Mahlzeit
  • E (Ereignis): Plötzlicher Beginn oder Zusammenhang mit einem Sturz oder Trauma?
  • R (Risikofaktoren): Diabetes mellitus, Übergewicht, Hyperlipidämie, Alkohol- und Nikotinkonsum
  • S (Schwangerschaft): mögliche Schwangerschaft bei Patientinnen
 Merke

Der Zeitpunkt des Symptombeginns ist die wichtigste Angabe der Anamnese. Er entscheidet in der Klinik über die weitere Therapie. Ist er unbekannt, zählt der Zeitpunkt, zu dem die Person zuletzt sicher ohne Ausfälle gesehen wurde.

Körperliche Untersuchung

Inspektion

  • Neurologische Ausfälle: Hemiparese, Sensibilitätsstörungen, hängender Mundwinkel, Aphasie oder Dysarthrie, Blickdeviation, Doppelbilder
  • Koordination und Bewusstsein: Gangunsicherheit, Verwirrtheit, Vigilanzminderung

Palpation

  • Puls: Ein unregelmäßiger Puls weist auf Vorhofflimmern hin
  • Rekap-Zeit messen
Vorhofflimmern
Vorhofflimmern

Perkussion

Hat beim Schlaganfall keine eigenständige Bedeutung

Auskultation

  • Lunge: Meist unauffälliger Befund, ggf. Rasselgeräusche bei Aspiration

Vitalparameter

Die Vitalparameter werden beim Schlaganfall engmaschig erhoben und wiederholt. Aussagekräftiger als der einzelne Wert ist der Verlauf.

ParameterTypischer BefundKlinische Bedeutung
AtemfrequenzIn der Regel normwertigVerlangsamt oder unregelmäßig bei Hirndruckanstieg
Sauerstoffsättigung (SpO₂)In der Regel normwertigAbfall bei Atemstörung oder Aspiration
HerzfrequenzVariabel, häufig unregelmäßigUnregelmäßig bei Vorhofflimmern. Bradykardie mit hohem Blutdruck ist ein Hirndruckzeichen
BlutdruckHäufig erhöhtSichert die Hirndurchblutung, wird präklinisch toleriert
EKGVorhofflimmern möglichRettungssanitäter:innen legen das 12-Kanal-EKG an und drucken es aus, die Befundung übernimmt das Team. Es darf den Transport nicht verzögern
KörpertemperaturIn der Regel normwertigFieber kann Ausfälle verstärken oder einen Schlaganfall vortäuschen
BlutzuckerIn der Regel normwertigBei jedem Schlaganfallverdacht bestimmen, eine Hypoglykämie kann einen Schlaganfall imitieren
 Info

Nicht auf jedem Rettungsmittel ist ein 12-Kanal-EKG verfügbar, zum Beispiel auf dem KTW.

Neurologische Untersuchung

Ein Schlaganfall zeigt sich an Bewusstsein, Sprache, Pupillen und Kraft. Die Einschätzung wird im Verlauf regelmäßig wiederholt.

  • Vigilanz: Einschätzung anhand der GCS. Eine Vigilanzminderung ist ein Warnzeichen
  • Orientierung: Fragen zu Person, Ort, Zeit und Situation. Eine neu aufgetretene Verwirrtheit ist ein Warnzeichen
  • Sprache: Spricht die betroffene Person in ganzen Sätzen oder nur in einzelnen Wörtern? Verwaschene Sprache und Wortfindungsstörungen sind Schlaganfallzeichen
  • Pupillen: Größe, Seitengleichheit und Lichtreaktion. Ungleich große Pupillen sind ein Hirndruckzeichen
  • Kraft und Sensibilität: Grobe Prüfung an Armen und Beinen im Seitenvergleich, um eine Halbseitenlähmung zu erkennen

BE-FAST-Schema

Das BE-FAST-Schema ist ein einfaches Screening-Instrument zur raschen Erkennung eines Schlaganfalls:

  • B (Balance): Gleichgewichts- oder Gangstörung
  • E (Eyes): Sehstörung, Doppelbilder
  • F (Face): Hängender Mundwinkel
  • A (Arms): Beide Arme vorhalten lassen, einer sinkt ab
  • S (Speech): Einen Satz nachsprechen lassen, verwaschene Sprache
  • T (Time): Symptombeginn erfragen, bei auffälligem Schema den Transport nicht verzögern
BE-FAST-Schema
BE-FAST-Schema
 Achtung

Das Schema allein reicht nicht aus. Ein unauffälliges BE-FAST schließt einen Schlaganfall nicht aus, vor allem Schlaganfälle der hinteren Zirkulation werden leicht übersehen. Das Ergebnis wird immer zusammen mit Anamnese, Vitalparametern und Blutzucker beurteilt.

Weitere Werkzeuge sind der FAST4D-Score und der LAMS-Score.

Differenzialdiagnosen

KrankheitsbildWas eher dafür spricht
HypoglykämieNiedriger Blutzucker, Schwitzen, Diabetes mellitus
Krampfanfall mit Lähmung nach dem AnfallBeobachteter Anfall, Zungenbiss, bekannte Epilepsie
Migräne mit AuraLangsam zunehmende Störung, nachfolgender Kopfschmerz, bekannte Migräne
Gutartiger LagerungsschwindelLagerungsabhängiger Drehschwindel ohne weitere Ausfälle

Basismaßnahmen

 Info

Die folgenden Maßnahmen können Rettungssanitäter:innen im Rahmen ihrer Qualifikation grundsätzlich eigenständig durchführen. Der konkrete Umfang richtet sich nach den lokalen Vorgaben, der jeweiligen Einsatzsituation und der verfügbaren Ausstattung.

  • Angepasste Lagerung:
    • Hämodynamisch stabil: Oberkörperhochlagerung um ca. 30°, Kopf in Mittelposition, damit das Blut aus dem Kopf abfließen kann
    • Hämodynamisch instabil: flache Rückenlage bzw. leichte Oberkörperhochlagerung
    • Bewusstlos mit erhaltener Atmung: stabile Seitenlage mit regelmäßiger Atemkontrolle, Absaugung griffbereit
  • Beruhigen und betreuen: die betroffene Person beruhigen, über die nächsten Schritte informieren und nicht allein lassen
  • Vitalwerte erheben: Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, EKG, Blutdruck und Blutzucker und Temperatur
  • Blutzucker messen: bei jedem Schlaganfallverdacht, um eine Hypoglykämie auszuschließen
  • Sauerstoffgabe: bedarfsgerecht bei Hypoxämie oder Atemstörung (SpO₂ nicht unter 94 bis 95 %), keine routinemäßige Gabe
  • 12-Kanal-EKG: anlegen und schreiben, ohne den Transport zu verzögern. Die Befundung übernimmt das weiterbehandelnde Team
  • Nachfordern: bei Red Flags frühzeitig RTW und/oder NEF über die Leitstelle anfordern
  • Zügiger Transport: frühzeitige Voranmeldung in einer Klinik mit Stroke Unit 
  • Ggf. Wärmeerhalt: zudecken oder Rettungsdecke anlegen

Weitere Versorgung

Die weiterführende Versorgung übernehmen Notfallsanitäter:innen und gegebenenfalls die Notärztin oder der Notarzt. Deine Rolle hängt davon ab, mit welchem Fahrzeug du im Einsatz bist:

  • Mit dem KTW zuerst vor Ort: Bis zum Eintreffen des nachgeforderten RTW führst du die Basismaßnahmen selbst durch. Danach übergibst du an die Notfallsanitäterin oder den Notfallsanitäter und bleibst als Teil des Behandlungsteams eingebunden
  • Als zweite Person auf dem RTW: Du arbeitest von Anfang an mit der Notfallsanitäterin oder dem Notfallsanitäter zusammen. Du übernimmst die Basismaßnahmen, während sie oder er die erweiterten Maßnahmen einleitet

In beiden Fällen bereitest du Maßnahmen vor, reichst benötigtes Material an, beobachtest den Zustand der betroffenen Person und führst delegierte Maßnahmen durch.

Dafür musst du die weiteren Versorgungsschritte sowie die eingesetzten Medikamente und Maßnahmen mit ihren Behandlungszielen kennen. Nur wenn du weißt, was als Nächstes kommt, kannst du es gezielt vorbereiten und im Team mitarbeiten. Auswahl, Dosierung und Applikation richten sich nach Indikation, Qualifikation, lokalen Vorgaben und Delegation. Nicht alle aufgeführten Medikamente werden bei jedem Schlaganfall eingesetzt.

Medikament/MaßnahmeBehandlungszweckWichtige Hinweise für die Unterstützung
Vollelektrolytlösung i.v. angepasste Gabe an KreislaufverhältnisseVolumenzuführung nur bei Hypotonie oder VolumenmangelMaterial für den intravenösen Zugang vorbereiten, vorgewärmte Infusion bereithalten
Glucose 40 % 8 bis 24 g i.v.Bei einer Hypoglykämie unter 60 mg/dlAmpullen und Spritze bereitlegen, Blutzucker erneut messen
Ondansetron 0,1 mg/kg KG i.v., max. 4 mgGegen Übelkeit und ErbrechenKörpergewicht erfragen, ab 40 kg gilt die Dosis von 4 mg
Paracetamol 1 g i.v. über 15 Minuten als KurzinfusionFiebersenkungKurzinfusion vorbereiten. Wenn parallel zur Vollelektrolytlösung gegeben werden soll, einen Dreiwegehahn an den peripheren Zugang anschließen
Urapidil 5 bis 10 mg i.v., titriert nach WirkungVorsichtige Senkung ab 220 mmHg systolisch oder 120 mmHg diastolisch um höchstens 15 %Blutdruck engmaschig kontrollieren
 Achtung
Blutdruckmanagement

Ein erhöhter Blutdruck wird beim Schlaganfall toleriert, weil er die Durchblutung des Gehirns sichert. Gesenkt wird erst ab 220 mmHg systolisch oder 120 mmHg diastolisch.

Patient:innen mit Verdacht auf einen Schlaganfall werden in eine Klinik mit Stroke Unit transportiert, bei Verdacht auf den Verschluss eines großen Hirngefäßes in eine Klinik mit Möglichkeit zur Thrombektomie. Die Zielklinik wird telefonisch informiert.

  • Körperliche Belastung vermeiden: Patient:innen gehen in der Regel nicht selbst zum Fahrzeug, da Lähmung und Gleichgewichtsstörung Stürze begünstigen
  • Lagerung während der Fahrt:
    • Stabiler Kreislauf: Oberkörper 30° erhöht, Kopf in Mittelposition
    • Instabiler Kreislauf: flacher bzw. leicht erhöhter Oberkörper
  • Kontinuierliches Monitoring: Blutdruck, EKG und SpO₂ bleiben während der gesamten Fahrt angeschlossen
    • Besonders auf Vigilanzminderung, Erbrechen und unregelmäßige Atmung achten (Hirndruckzeichen)
    • BE-FAST und GCS wiederholen, Absaugung griffbereit
  • Verlaufsbeobachtung: Die betroffene Person während der Fahrt engmaschig beobachten, um eine Verschlechterung frühzeitig zu erkennen

Übergabe

Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema.

  • Verdacht auf einen Schlaganfall klar benennen, mit BE-FAST-Befund
  • Zeitpunkt des Symptombeginns
  • Vitalparameter und Verlauf, Blutzucker, GCS
  • Gerinnungshemmende Medikamente mit letzter Einnahme, Vorerkrankungen und Allergien
  • Sauerstofftherapie: Beginn, Flussrate und Verlauf der Sättigung
  • Verabreichte Medikamente und durchgeführte Maßnahmen
 Merke

Eine vollständige Dokumentation im Einsatzprotokoll ist die Grundlage für die Weiterbehandlung in der Klinik und dient der rechtlichen Absicherung.

Die plötzlich aufgetretene verwaschene Sprache und die Lähmung der linken Körperhälfte wecken beim Team den Verdacht auf einen Schlaganfall. Ein wichtiger Hinweis in der Anamnese ist ein vorbekanntes Vorhofflimmern. Im BE-FAST-Test sind Arm und Sprache auffällig. Die Symptome bestehen seit 30 Minuten.

Der Patient wird mit 30° erhöhtem Oberkörper und Kopf in Mittelstellung gelagert und an das Monitoring angeschlossen: Blutdruck 178/95 mmHg, Herzfrequenz 115/min unregelmäßig, SpO₂ 97 %. Sauerstoff ist bei dieser Sättigung nicht nötig. Der Blutzucker liegt bei 112 mg/dl, eine Unterzuckerung als Ursache ist damit ausgeschlossen. Das 12-Kanal-EKG bestätigt das Vorhofflimmern. Über die Leitstelle wird ein Platz in einer Stroke Unit angefragt.

Der Rettungssanitäter richtet das Material für den venösen Zugang, die Notfallsanitäterin legt ihn. Eine Vollelektrolytlösung läuft nur langsam zum Offenhalten, denn eine Volumentherapie ist nicht angezeigt. Auch der Blutdruck wird nicht gesenkt, da er unter 220/120 mmHg liegt. Die Ehefrau berichtet, dass ihr Mann heute Morgen sein Edoxaban eingenommen hat.

Der Patient wird im Tragestuhl zum Rettungswagen gebracht und dort auf der Trage mit 30° erhöhtem Oberkörper gelagert. Die Versorgung vor Ort dauert weniger als 20 Minuten. Während der Fahrt bleibt das Monitoring angeschlossen, der neurologische Zustand ändert sich nicht.

In der Stroke Unit übergibt das Team nach dem SINNHAFT-Schema. Dazu gehören der Verdacht auf Schlaganfall, die genaue Uhrzeit des Symptombeginns, der BE-FAST-Befund, der Blutzucker und die Edoxaban-Einnahme mit Uhrzeit.

Definition

 Definition
Schlaganfall

Unter dem Begriff Schlaganfall werden Durchblutungsstörungen des Gehirns zusammengefasst. Dazu gehören sowohl ischämische Schlaganfälle als auch hämorrhagische Schlaganfälle.

  • Ischämisch (ca. 80 bis 85 %): Gefäßverschluss
  • Hämorrhagisch: intrazerebrale Blutung oder Subarachnoidalblutung

Ursachen

  • Ischämisch: Atherosklerose, kardiale Embolien bei Vorhofflimmern, Dissektion
  • Hämorrhagisch: arterielle Hypertonie, Aneurysmaruptur, Antikoagulation
  • Risikofaktoren: Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Übergewicht, Alkohol, Nikotin, Vorhofflimmern

Pathophysiologie

  • Ischämie: Nervenzellen sterben innerhalb von Minuten ab, die Penumbra ist durch rasche Reperfusion zu retten
  • Blutung: Hämatom verdrängt Hirngewebe, Hirnödem
  • Hirndruck: Blutung und Schwellung steigern den Druck im starren Schädel bis zur Einklemmung. Cushing-Trias: hoher Blutdruck, Bradykardie, unregelmäßige Atmung

Symptome

  • Leitsymptom: plötzlich einsetzende neurologische Ausfälle
  • Begleitzeichen: Hemiparese, hängender Mundwinkel, Dysarthrie, Aphasie, Sehstörungen, Schwindel, Kopfschmerzen
 Achtung
Red Flags
  • Vigilanzminderung
  • Hirndruckzeichen: Erbrechen, ungleich große Pupillen, Cushing-Trias
  • Schluckstörung, Atemstörung
  • Plötzlicher stärkster Kopfschmerz mit Nackensteifigkeit
  • Krampfanfall

Diagnostik

  • Anamnese: Symptombeginn als wichtigste Angabe, Gerinnungshemmer mit letzter Einnahme
  • BE-FAST: Balance, Eyes, Face, Arms, Speech, Time. Das Schema allein reicht nicht
  • Vitalparameter: Blutdruck erhöht und toleriert, Blutzucker bei jedem Verdacht, 12-Kanal-EKG ohne Transportverzögerung
  • Differenzialdiagnosen: Hypoglykämie, Krampfanfall, Migräne mit Aura, Lagerungsschwindel

Therapie

  • Basismaßnahmen: Oberkörper 30° hoch mit Kopf in Mittelposition, bei instabilem Kreislauf flacher, bei Bewusstlosigkeit stabile Seitenlage mit Atemkontrolle und Absaugbereitschaft. Blutzucker messen, Sauerstoff bei SpO₂ nicht unter 94 bis 95 %, 12-Kanal-EKG, zügiger Transport mit Voranmeldung
  • Glucose 40 % 8 bis 24 g i.v. bei Hypoglykämie unter 60 mg/dl
  • Ondansetron 0,1 mg/kg KG i.v., max. 4 mg gegen Übelkeit und Erbrechen
  • Urapidil 5 bis 10 mg i.v. titriert nur ab 220/120 mmHg, Senkung um höchstens 15 %

Transport und Übergabe

  • Zielklinik: Stroke Unit, telefonisch voranmelden
  • Lagerung und Monitoring: Oberkörper 30° hoch, nicht selbst zum Fahrzeug gehen lassen, BE-FAST und GCS wiederholen, Absaugung griffbereit
  • Übergabe nach SINNHAFT: Verdacht benennen, Symptombeginn, BE-FAST-Befund, Blutzucker, Gerinnungshemmer
Tipp

Du willst noch tiefer einsteigen? Im Artikel für Notfallsanitäter:innen findest du Pathophysiologie und Therapie ausführlicher erklärt. Die wichtigsten Artikel haben wir dir hier verlinkt. Und falls dir ein Fachbegriff nicht klar ist, hilft dir der Artikel zur Terminologie weiter.

  • Schlaganfall (NotSan)
  • BEFAST-Schema
  • Hypoglykämie (NotSan)
  • Krampfanfall (NotSan)
  • Synkope (RS)
  • Lagerung (RD)
  • Terminologie (RD)
Zuletzt aktualisiert am 22.10.2026
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