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Stadien des Hilfesuchens

Prozess des Hilfesuchens, Suchmann, Health Belief Model, Krankheit, Krankheitseinsicht, Hilfe, Selbstwirksamkeit
EP
7 Minuten Lesezeit

Krankheitsverhalten beschreibt, wie Menschen körperliche Beschwerden wahrnehmen, bewerten und darauf reagieren. Menschen unterscheiden sich darin, wann sie Symptome als behandlungsbedürftig wahrnehmen und ob sie zunächst abwarten, sich selbst behandeln, Rat im sozialen Umfeld suchen oder professionelle medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Diese Entscheidungen werden unter anderem durch die wahrgenommene Schwere der Beschwerden, persönliche Erfahrungen und Vorstellungen über Krankheit sowie durch soziale und kulturelle Einflüsse geprägt.

Das Health Belief Model erklärt ergänzend, warum Menschen gesundheitsbezogene Handlungen ausführen oder unterlassen. Entscheidend sind insbesondere die wahrgenommene Anfälligkeit für eine Erkrankung, deren wahrgenommener Schweregrad, der erwartete Nutzen einer Handlung sowie mögliche Barrieren. Zusätzlich können Handlungsreize wie Symptome, Informationen aus dem sozialen Umfeld oder eine ärztliche Empfehlung das Verhalten auslösen. In der Weiterentwicklung des Modells wurde auch die Selbstwirksamkeit als Einflussfaktor berücksichtigt. Auf das Hilfesuchen übertragen bedeutet dies beispielsweise, dass ein Arztbesuch wahrscheinlicher wird, wenn eine Person ihre Beschwerden als relevant einschätzt, einen Nutzen der medizinischen Abklärung erwartet und nur geringe wahrgenommene Hindernisse bestehen.

Menschen suchen medizinische Hilfe zudem nicht ausschliesslich zur Behandlung einer Erkrankung auf. Gründe können beispielsweise akute Beschwerden, Unsicherheit über deren Ursache, der Wunsch nach diagnostischer Abklärung, Beruhigung und Sicherheit, Beratung oder Prävention, eine Krankschreibung bzw. soziale Legitimation der Erkrankung oder die Kontrolle einer bereits bekannten Erkrankung sein. Die individuelle Entscheidung entsteht somit aus dem Zusammenspiel von Symptomen, deren subjektiver Bewertung, persönlichen Vorstellungen, sozialem Umfeld und Zugänglichkeit medizinischer Versorgung.

 Merke

Krankheitsverhalten beschreibt die individuelle Reaktion auf Symptome. Das Hilfesuchen entsteht aus deren Bewertung und wird zusätzlich durch persönliche, soziale und strukturelle Faktoren beeinflusst.

 Definition

Das Krankheitsverhalten umfasst alle bewussten und unbewussten Handlungen eines Menschen, wenn er sich krank fühlt. Dazu zählen die Wahrnehmung, Bewertung und Kommunikation von Symptomen sowie die Suche nach Hilfe. Aus Sicht des Betroffenen wird dieser Prozess als Patientenkarriere bezeichnet.


Typischerweise verläuft er in mehreren aufeinander aufbauenden Schritten:

  1. Wahrnehmung der Symptome
  2. Einbezug des sozialen Umfelds
  3. Unterstützung im Laiensystem
  4. Inanspruchnahme professioneller Hilfe
Stadien des Hilfesuchens
Die Abbildung zeigt den mehrstufigen Prozess des Hilfesuchens: Von der Symptomwahrnehmung über Abwehr oder Selbstmedikation, den Einbezug von Bezugspersonen und Unterstützung im Laiensystem bis hin zur Inanspruchnahme professioneller Hilfe.
 Info

Die Entscheidung für einen Arztbesuch hängt nicht allein von der tatsächlichen Erkrankung ab. Nach Andersens Verhaltensmodell der Inanspruchnahme medizinischer Versorgung beeinflussen insbesondere prädisponierende Faktoren, ermöglichende Faktoren und der individuelle Bedarf die Nutzung medizinischer Leistungen. Dazu zählen beispielsweise Alter und Einstellungen zur Gesundheitsversorgung, finanzielle und strukturelle Zugangsmöglichkeiten sowie die subjektiv wahrgenommene oder objektiv bestehende gesundheitliche Notwendigkeit.

1. Wahrnehmung von Krankheitssymptomen

Die Symptomwahrnehmung ist der erste Schritt und häufig der Auslöser für weiteres Handeln. Menschen suchen vor allem dann Hilfe, wenn sie bemerken, dass „etwas nicht stimmt“.

Ein Arztbesuch wird wahrscheinlicher, wenn:

  • Starke Schmerzen auftreten
  • Symptome auffällig und sichtbar sind
  • Die Erkrankung als bedrohlich eingeschätzt wird
  • Beschwerden länger anhalten oder wiederkehren
  • Ausreichend zeitliche Ressourcen für Schonung bestehen
 Info

Viele Betroffene informieren sich zunächst selbst (z. B. Internetrecherche) und entwickeln eigene Erklärungen für ihre Beschwerden (Laienätiologie).

Anschließend erfolgt eine Bewertung der Behandlungsbedürftigkeit:

  • Bagatellisierung / Verleugnung → keine ärztliche Abklärung
  • Einstufung als relevant → zunächst häufig Selbstbehandlung (z. B. Selbstmedikation)

2. Information von Bezugspersonen

Werden Symptome als behandlungsbedürftig eingeschätzt, wenden sich viele Betroffene an ihr soziales Umfeld (Familie, Freunde).

  • Dieses Umfeld wird als Laiensystem bezeichnet
  • Es liefert Einschätzungen zu:
    • Möglichen Ursachen
    • Diagnose
    • Behandlungsoptionen

Einflussfaktoren auf diesen Schritt:

  • Stigmatisierungsangst → kann dazu führen, dass der Schritt vermieden wird
  • Fehlende Krankheitseinsicht (z. B. bei Anorexie oder Persönlichkeitsstörungen) → Initiative geht oft vom Umfeld aus
 Info

Nach Einbezug der Bezugspersonen, entwickeln Angehörige eigene Bewertungen und Empfehlungen.

3. Unterstützung im Laiensystem

Im Laiensystem kommt es häufig zu einer Weiterverweisung.

Die weitere Versorgung hängt stark von Einstellungen im Umfeld ab:

  • Arztaffine Haltung → eher frühzeitiger Arztkontakt
  • Arztmeidende Haltung → alternative Wege (z. B. Apotheke, Heilpraktiker)

Diese soziale Einflussnahme nennt man Laienzuweisungssystem.

 Merke
  • Einfluss ist in niedrigeren sozialen Schichten stärker ausgeprägt
  • Entscheidung für professionelle Hilfe wird oft sozial mitbestimmt

4. Inanspruchnahme professioneller Hilfe

Hier erfolgt der Übergang ins medizinische Versorgungssystem – die eigentliche Patientenrolle beginnt.

Viele Menschen berichten, innerhalb kurzer Zeit Symptome wahrgenommen zu haben. Ob daraus ein Arztbesuch resultiert, hängt von mehreren Faktoren ab:

  • Subjektiver Gesundheitszustand (wichtigster Faktor) → hoher Leidensdruck = höhere Wahrscheinlichkeit eines Arztbesuchs
  • Einstellung zum Gesundheitssystem → beeinflusst durch eigene Erfahrungen und Berichte aus dem Umfeld
  • Finanzielle Aspekte → erwartete Kostenübernahme erhöht Inanspruchnahme
  • Erreichbarkeit → Nähe, Wartezeiten, organisatorischer Aufwand
  • Einschätzung der Ernsthaftigkeit → geprägt durch:
    • Eigenes Wissen
    • Persönliche Einstellungen
    • Rollenverständnis als Patient
  • Emotionale Faktoren
    → Angst kann Arztbesuch fördern
    → Depression kann ihn verhindern
  • Soziodemografische Faktoren
    → Frauen gehen häufiger zum Arzt
    → Einfluss von Bildungsstand
  • Soziokulturelle Faktoren
    → z. B. Normen, Sprache, kulturelle Vorstellungen

Dieser Entscheidungsprozess wird über das sogenannte Health-Belief-Model beschrieben.

 Info
Andere Modelle: Umgang mit Krankheit nach Suchman

Nach Suchman lässt sich der Umgang mit Krankheit idealtypisch in fünf Stadien beschreiben: Zunächst werden Symptome wahrgenommen, anschliessend kann die Person die Krankenrolle übernehmen. Darauf kann der Kontakt zum medizinischen Versorgungssystem folgen, gefolgt von einer abhängigen Patient:innenrolle während der Behandlung und schliesslich von Genesung bzw. Rehabilitation. Das Modell ist dabei als idealtypischer Prozess zu verstehen; nicht jede Erkrankung durchläuft alle Stadien in derselben Reihenfolge.

 Definition

Weitere Beweggründe für Arztbesuche umfassen neben medizinischen Ursachen auch soziale und psychosoziale Faktoren, die die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen beeinflussen.

Soziale Isolation

  • Besonders häufige Arztbesuche bei sozial isolierten (oft älteren) Personen
  • Bereits geringer Leidensdruck reicht für Konsultation
  • Motivation: neben medizinischer Hilfe auch soziale Zuwendung

Häusliche Gewalt

  • Erhöhte Arztkontakte bei Betroffenen (v. a. Frauen)
  • Gewalt wird häufig nicht direkt angesprochen oder sogar verborgen

Typische Hinweise:

  • Diffuse, wechselnde Schmerzen
  • Wiederkehrende genitale oder rektale Verletzungen
  • Häufige Unterbauchbeschwerden
 Achtung

Diese sogenannten „Red Flags“ sollten besondere Aufmerksamkeit erzeugen, da sie auf Gewalt hindeuten können.

  • Mechanic D. The concept of illness behavior. J Chronic Dis 1962;15(2):189-194. DOI: 10.1016/0021-9681(62)90068-1.
  • Suchman EA. Stages of illness and medical care. J Health Hum Behav 1965;6(3):114-128.
  • Mechanic D, Volkart EH. Stress, illness behavior, and the sick role. Am Sociol Rev 1961;26(1):51-58. DOI: 10.2307/2090512.
  • Andersen RM. A behavioral model of families' use of health services. Research Series No. 25. Chicago: Center for Health Administration Studies, University of Chicago; 1968.
Zuletzt aktualisiert am 26.08.2026
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