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Synkope (RettSan)

Ohnmacht, Kreislaufkollaps
27 Minuten Lesezeit

Die Synkope ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern ein Symptom, das durch einen vorübergehenden Verlust von Bewusstsein und Muskeltonus mit rascher, spontaner und vollständiger Erholung gekennzeichnet ist. 

Ursache ist eine vorübergehende Minderdurchblutung des gesamten Gehirns, die zu einer kurzzeitigen Beeinträchtigung der Hirnfunktion führt. Zu den häufigsten Ursachen zählen Reflexsynkopen, orthostatische Synkopen sowie kardiale Synkopen. 

Da insbesondere kardiale Ursachen mit einer erhöhten Morbidität und Mortalität verbunden sein können, ist eine strukturierte diagnostische Abklärung erforderlich.

Von besonderer Bedeutung ist die Unterscheidung zwischen Hochrisiko- und Niedrigrisiko-Synkopen. Diese bestimmt maßgeblich die Dringlichkeit der Versorgung und die Wahl des Zielkrankenhauses.

Um den Einstieg in das Thema Synkope etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: Synkope
  • Ort: Supermarkt, im Kassenbereich
  • Alarmzeit: 08:00 Uhr
  • Anrufer:in: Mitarbeiter
  • Anzahl der betroffenen Personen: 1
  • Zusatzinfo:
    • Weiblich, 24 Jahre alt
    • Keine bekannten Vorerkrankungen
    • Plötzliche Bewusstlosigkeit, mittlerweile wieder wach und ansprechbar

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen des Rettungsdienstes sitzt die Patientin, mit einer Flasche Wasser in der Hand, auf einem Stuhl im Kassenbereich. Ein Marktmitarbeiter betreut sie. Mehrere Personen berichten, dass sie für wenige Sekunden bewusstlos zusammengesackt sei und sich dann wieder erholt habe.

Die Lage ist wie folgt:

  • Auf Ansprache reagiert die Patientin. Sie ist blass und kaltschweißig
  • Sie klagt über Schwindel und Übelkeit
  • Keine neurologischen Ausfälle, aber kurze Desorientierung direkt nach dem Ereignis
  • Die Patientin berichtet, dass sie heute Morgen nichts gefrühstückt und getrunken hat
Fallbeispiel: Synkope (RD)

Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema

x

  • Keine kritischen Blutungen

Kein
x-Problem

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute blass
  • Patientin spricht selbständig

Kein
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursion beidseits normal
    • Inspektorisch unauffällig
    • Keine gestauten Halsvenen sichtbar
    • Tachypnoe, 20/min
  • Auskultatorisch:
    • Normales Atemgeräusch beidseits
  • Palpatorisch:
    • Thorax insgesamt stabil
  • SpO₂: 98 %

Kein
B-Problem

C

  • Hautkolorit blass
  • Insgesamt kaltschweißig
  • Rekap-Zeit: 2 Sekunden
  • Große Blutungsräume ohne Zeichen auf akute Blutungen
  • Palpation des Pulses am Handgelenk (A. radialis):
    • Rhythmisch
    • Schwach tastbar
    • Tachykard, 103/min
  • Blutdruck: 100/70 mmHg

Mittelbares
C-Problem

D

  • Wach, orientiert, ansprechbar
  • GCS 15
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 5
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel

Kein
D-Problem

E

  • Keine weiteren Verletzungen ersichtlich
  • Symptome:
    • Prodromi: Schwindel, Übelkeit, Schwächegefühl, Blässe, Kaltschweißigkeit
  • Allergien/Infektionen: Keine bekannten Allergien, keine Hinweise auf eine Infektion
  • Medikamente: Keine Dauermedikation, keine Bedarfsmedikation
  • Patientengeschichte: Keine Vorerkrankungen
  • Letzte Mahlzeit: Gestern Abend gegen 21:00 Uhr
  • Ereignis: Plötzlicher Bewusstseinsverlust nach längerem Stehen in der Warteschlange an der Kasse, umgeben von vielen Menschen
  • Risikofaktoren: Kein Frühstück, keine Aufnahme von Flüssigkeit

Kein
E-Problem

 Definition
Synkope

Plötzlicher, kurzzeitiger Bewusstseinsverlust mit Verlust des Muskeltonus infolge einer vorübergehenden Minderdurchblutung des gesamten Gehirns, gefolgt von einer spontanen und vollständigen Erholung.

 Definition
Präsynkope

Vorstadium einer Synkope mit Zeichen einer drohenden Minderdurchblutung des Gehirns, typischerweise Schwindel, Schwarzwerden vor den Augen, Kaltschweißigkeit und Schwächegefühl, jedoch ohne vollständigen Bewusstseinsverlust.

Klassifikation

Synkopen werden, basierend auf ihrer Krankheitsursache, in drei Hauptkategorien unterteilt:

  • Reflexsynkopen: Dazu gehören vasovagale, situative und Karotissinus-Synkopen. Sie sind die häufigste Form und haben meist eine günstige Prognose, können aber durch den Sturz zu Verletzungen führen
  • Orthostatische Synkopen: Sie entstehen durch eine unzureichende Kreislaufanpassung beim Aufstehen oder Lagewechsel, meist mit orthostatischem Blutdruckabfall
  • Kardiale Synkopen: Sie werden durch Herzrhythmusstörungen oder strukturelle Herzerkrankungen verursacht und sind potenziell lebensbedrohlich. Bei Warnzeichen ist deshalb eine rasche stationäre bzw. kardiologische Abklärung erforderlich
 Info
Abgrenzungen zum Kollaps oder zur Bewusstlosigkeit
  • Kollaps: ebenfalls Verlust des Muskeltonus, jedoch ohne vollständigen Bewusstseinsverlust
  • Bewusstlosigkeit: andauernder Bewusstseinsverlust
HauptgruppeTypische Auslöser
Reflexsynkope
  • Angst, Schmerz, langes Stehen
  • Wasserlassen, Stuhlgang, Husten, Niesen oder Lachen
  • Druck auf den Hals, z.B. durch einen engen Kragen (= Karotissinussyndrom)
Orthostatische Synkope
  • Volumenmangel, z.B. durch Blutung, Durchfall, Erbrechen oder zu wenig Trinken
  • Medikamente, die den Blutdruck senken oder die Blutgefäße weiten
  • Erkrankungen der Nerven, z.B. Morbus Parkinson
Kardiale Synkope
  • Herzrhythmusstörungen mit zu langsamem oder zu schnellem Herzschlag
  • Erkrankungen des Herzens, z.B. eine verengte Herzklappe
  • Lungenarterienembolie oder Aortendissektion 

Das Gehirn braucht ständig ausreichend Blut. Dafür müssen drei Dinge funktionieren: 

  1. Das Herz wirft genug Blut pro Minute aus (= Herzzeitvolumen)
  2. Der Blutdruck bleibt stabil
  3. Das Blut fließt aus dem Körper ausreichend zum Herzen zurück (= venöser Rückstrom)

Ist einer dieser Mechanismen gestört, bekommt das Gehirn für kurze Zeit zu wenig Blut und die betroffene Person verliert das Bewusstsein.

Fehlgesteuerter Kreislaufreflex (Reflexsynkope)

Normalerweise halten unwillkürliche Kreislaufreflexe den Blutdruck stabil. Bei der Reflexsynkope reagieren diese Reflexe auf einen Auslöser falsch:

  1. Ein Auslöser wie Angst, Schmerz, langes Stehen, Wasserlassen oder Husten löst eine überschießende Reaktion des unwillkürlichen Nervensystems aus
  2. Die Blutgefäße weiten sich und/oder das Herz schlägt langsamer 
  3. Blutdruck und Herzzeitvolumen fallen ab
  4. Das Gehirn wird kurzzeitig zu wenig durchblutet, die betroffene Person verliert das Bewusstsein
 Tipp
Am Einsatzort erkennbar

Eine Reflexsynkope ist an einem Auslöser und an Vorboten wie Übelkeit, Kaltschweißigkeit, Blässe und Schwindel erkennbar.

Blutdruckabfall beim Aufstehen (orthostatische Synkope)

Veranschaulichung der orthostatischen Synkope
Orthostatische Hypotension

Normalerweise gleicht der Körper das Aufstehen sofort aus: Er verengt die Blutgefäße und das Herz schlägt schneller. Bei der orthostatischen Synkope gelingt dieser Ausgleich nicht:

  1. Beim Aufstehen sackt durch die Schwerkraft Blut in die Beine (= venöses Pooling)
  2. Weniger Blut fließt zum Herzen zurück, das Herz wirft weniger Blut aus
  3. Der Blutdruck fällt ab
  4. Das Gehirn wird zu wenig durchblutet

Unterteilung in zwei Formen:

  • Neurogene Form: Die Nerven, die den Kreislauf unwillkürlich steuern, sind geschädigt, z.B. bei Morbus Parkinson. Die Blutgefäße verengen sich nicht und der Puls steigt nicht an
  • Nicht-neurogene Form: Blutverlust, Erbrechen, Durchfall oder Medikamente vermindern das Blutvolumen oder weiten die Blutgefäße. Der Puls steigt an, kann den Blutdruckabfall aber nicht ausgleichen
 Tipp
Am Einsatzort erkennbar

Eine orthostatische Synkope ist am Zusammenhang mit dem Aufstehen, an Hinweisen auf Volumenmangel oder an der Medikation erkennbar. Ein fehlender Pulsanstieg trotz Blutdruckabfall spricht für die neurogene Form.

Ursache am Herzen (kardiale Synkope)

Bei der kardialen Synkope pumpt das Herz plötzlich für kurze Zeit zu wenig Blut. Fließt 6 bis 8 Sekunden lang zu wenig Blut zum Gehirn oder sinkt der systolische Blutdruck unter 60 mmHg, verliert die betroffene Person das Bewusstsein.

  • Herzrhythmusstörungen (arrhythmogene Synkope): Schlägt das Herz zu langsam, z.B. bei einem AV-Block, wirft es pro Minute zu wenig Blut aus. Schlägt es zu schnell, bleibt zwischen den Schlägen zu wenig Zeit, damit sich die Herzkammern füllen
  • Behinderter Blutfluss: Eine verengte Herzklappe, z.B. eine Aortenklappenstenose, lässt vor allem unter Belastung zu wenig Blut durch. Eine Lungenarterienembolie behindert den Blutfluss durch die Lunge, dadurch kommt zu wenig Blut im linken Herzen an
 Tipp
Am Einsatzort erkennbar

Eine kardiale Synkope ist an einem abrupten Beginn ohne Prodromi, an einer Synkope im Liegen oder unter Belastung, an Palpitationen, Brustschmerz oder Atemnot davor, an einem auffälligen Puls (unter 40/min, über 160/min, unregelmäßig), sowie am 12-Kanal-EKG erkennbar.

 Achtung
Kardiale Synkope

Die kardiale Synkope geht mit einem erhöhten Risiko für einen Herztod einher und sollte daher auf jeden Fall ausgeschlossen werden.

 Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme bei der Synkope
  • Minderdurchblutung des Gehirns: gemeinsamer Endmechanismus aller Synkopen, mit kurzem Bewusstseinsverlust und spontaner Erholung
  • Kardiale Ursache: Herzrhythmusstörungen oder ein behinderter Blutfluss können erneut auftreten und lebensbedrohlich werden
  • Sturz: Durch den plötzlichen Verlust des Muskeltonus drohen Verletzungen von Kopf und Halswirbelsäule
 Merke

Leitsymptom: plötzlicher und kurzer Bewusstseinsverlust, bei dem die Muskelspannung nachlässt und die betroffene Person zusammensackt. Sie erholt sich von selbst, rasch und vollständig und ist danach sofort wieder orientiert.

Je nach Schweregrad können weitere Zeichen auftreten:

  • Prodromi: Schwindel, Übelkeit, Schwächegefühl, Kaltschweißigkeit, Schwarzwerden vor den Augen
  • Blässe als Ausdruck der verminderten Hautdurchblutung
  • Konvulsive Synkope: Synkope mit kurzen Muskelzuckungen. Die Zuckungen beginnen erst nach dem Zusammensacken und dauern in der Regel weniger als 15 Sekunden
  • Sekundärverletzungen durch Sturzgeschehen, besonders an Kopf und Halswirbelsäule
  • Ggf. Brady- oder Tachykardie, abhängig von der zugrunde liegenden Ursache
 Info
Konvulsive Synkope vs. Krampfanfall

Die Patient:innen sind nach der Synkope schnell wieder orientiert. Es besteht meistens eine Erinnerungslücke für das Ereignis. Bei der konvulsiven Synkope treten Muskelzuckungen nach dem Bewusstseinsverlust auf und dauern unter 15 Sekunden. 

Ein verzögertes Aufklaren, Zuckungen während des Bewusstseinsverlustes, ein Zungenbiss oder eine postiktale Phase sprechen eher für einen epileptischen Anfall.

 Achtung
Red Flags
  • Synkope im Liegen oder während körperlicher Belastung
  • Fehlende Prodromi: abruptes Ereignis ohne Vorwarnung
  • Palpitationen, Angina pectoris oder Dyspnoe vor der Synkope
  • Bekannte Herzerkrankung: koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Herzklappenfehler
  • Plötzlicher Herztod in der Familie 
  • Auffälliges EKG: ausgeprägte Bradykardie, lange Sinuspausen, AV-Block II° Typ 2 oder III°, ventrikuläre Tachykardie, Ischämiezeichen
  • Anhaltende Hypotonie 
  • Verzögertes Aufklaren, fokalneurologische Defizite 

Die Auswahl ist beispielhaft und nennt häufig auftretende Zeichen. Das Nachfordern liegt immer im Ermessen des jeweiligen Teams.

 Merke

Eine Synkope kann Ausdruck einer schwerwiegenden Grunderkrankung sein. Bei etwa 15 % der Betroffenen liegen potenziell lebensbedrohliche Ursachen zugrunde, darunter:

  • Lungenarterienembolie
  • Aortendissektion
  • Abdominelles Aortenaneurysma (= Aussackung der Bauchschlagader)
  • Akutes Koronarsyndrom
  • Subarachnoidalblutung (= Hirnblutung)
  • Rupturierte Extrauteringravidität (= Eileiterschwangerschaft)

Anamnese

Für die Befragung hilft das SAMPLER(S)-Schema. Auch Umstehende werden nach Dauer, Zuckungen und Erholung befragt. Folgende Angaben entscheiden über das Risiko:

  • S (Symptome): plötzlicher Bewusstseinsverlust mit rascher Erholung
    • Niedrigrisiko-Zeichen: Prodromi wie Schwindel oder Kaltschweißigkeit
    • Hochrisiko-Zeichen: fehlende Prodromi
  • A (Allergien/Infektionen): bekannte Allergien und aktuelle Infektionen
  • M (Medikation): Antihypertensiva, Diuretika, Antidepressiva, Alkohol oder Drogen
  • P (Patientengeschichte): kardiale oder neurologische Vorerkrankungen, vorausgegangene Synkopen, plötzlicher Herztod in der Familie
  • L (Letzte…): letzte Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, Dehydratation begünstigt eine orthostatische Synkope
  • E (Ereignis): auslösende Faktoren (Schmerz, Emotion, Lagewechsel, Miktion, Husten) und Körperposition
    • Niedrigrisiko-Zeichen: Synkope nach längerem Stehen
    • Hochrisiko-Zeichen: Synkope im Liegen oder unter Belastung
  • R (Risikofaktoren): Herz- oder Nervenerkrankungen, Dehydratation
  • S (Schwangerschaft): mögliche Schwangerschaft bei Patientinnen

Körperliche Untersuchung

Inspektion

  • Hautkolorit: blasse, kaltschweißige Haut
  • Bewusstseinslage: rasche Reorientierung spricht für eine Synkope, verzögertes Aufklaren eher für einen epileptischen Anfall
  • Begleitverletzungen: häufig Sturzfolgen wie Schürf- oder Platzwunden

Palpation

  • Rekapillarisierungszeit: Verlängerung als Hinweis auf eine verminderte periphere Perfusion
  • Puls: Bradykardie, Tachykardie oder Arrhythmien können auf eine kardiale Ursache hinweisen, ein schwacher Puls auf Hypotonie oder Hypovolämie

Perkussion

  • Klopfschall: in der Regel unauffällig

Auskultation

  • Lunge: Rasselgeräusche oder ein abgeschwächtes Atemgeräusch können auf eine Herzinsuffizienz oder eine Lungenarterienembolie hinweisen

Vitalparameter

Die Vitalparameter werden bei der Synkope engmaschig erhoben und wiederholt. Aussagekräftiger als der einzelne Wert ist der Verlauf.

ParameterTypischer BefundKlinische Bedeutung
AtemfrequenzMeist normwertig bis leicht erhöhtUnspezifische Stress- und Kompensationsreaktion auf die Kreislaufstörung
Sauerstoffsättigung (SpO₂)Meist normwertigEine erniedrigte Sättigung weist auf eine zugrunde liegende kardio-pulmonale Ursache hin, etwa eine Lungenarterienembolie oder eine Herzinsuffizienz
HerzfrequenzReflexsynkope: erniedrigtDer fehlgesteuerte Kreislaufreflex bremst das Herz
Orthostatische Synkope: erhöht, bei der neurogenen Form ohne AnstiegDas Herz versucht, den Blutdruckabfall auszugleichen. Ein schwacher Puls spricht für einen Volumenmangel
Kardiale Synkope: häufig unter 40/min oder über 160/min, oft unregelmäßigHinweis auf eine Herzrhythmusstörung als Ursache
BlutdruckBei allen Formen erniedrigt, bei der kardialen Synkope am stärkstenDie vorübergehende Hypotonie ist die Ursache der Minderdurchblutung des Gehirns. Wenn möglich, Blutdruck und Herzfrequenz im Liegen und im Stehen messen (Schellong-Test), das zeigt eine orthostatische Dysregulation
EKGHäufig unauffällig, bei der kardialen Synkope Rhythmus- oder LeitungsstörungenBasisdiagnostik bei jeder Synkope. Rettungssanitäter:innen legen das 12-Kanal-EKG an und drucken es aus, die Befundung übernimmt das Team
KörpertemperaturIn der Regel normwertigKeine primäre Beeinflussung durch die Synkope selbst
BlutzuckerIn der Regel normwertigBei jeder Vigilanzminderung bestimmen, um eine Hypoglykämie auszuschließen

Orientierende neurologische Untersuchung

Die Minderdurchblutung des Gehirns bei der Synkope zeigt sich früh am Bewusstsein. Die Einschätzung wird daher im Verlauf regelmäßig wiederholt.

  • Vigilanz: Einschätzung anhand der GCS. Eine Vigilanzminderung ist ein Warnzeichen
  • Orientierung: Fragen zu Person, Ort, Zeit und Situation. Eine neu aufgetretene Verwirrtheit ist ein Warnzeichen
  • Sprache: Spricht die Patientin oder der Patient in ganzen Sätzen oder nur in einzelnen Wörtern? Das ist zugleich ein Maß für die Schwere der Atemnot
  • Pupillen: Größe, Seitengleichheit und Lichtreaktion
  • Kraft und Sensibilität: Grobe Prüfung an Armen und Beinen im Seitenvergleich, um einen Schlaganfall als Differenzialdiagnose nicht zu übersehen
 Tipp

Fokalneurologische Defizite (= z.B. hängender Mundwinkel, Lähmung einer Körperseite) sprechen gegen eine Synkope und für einen Schlaganfall.

Hochrisiko vs. Niedrigrisiko Synkope

KategorieHohes RisikoGeringes Risiko
Anamnese
  • Synkope bei Belastung oder im Liegen
  • Brustschmerz, Atemnot oder Herzklopfen vorher
  • Plötzlicher Herztod in der Familie
Vorboten (Prodromi) wie Schwindel, Schwitzen oder Übelkeit
Typische Auslöser wie Schreck, Schmerz, langes Stehen, Hitze oder Husten
EKG
  • Puls unter 40/min oder Pausen über 3 s
  • Schneller Herzschlag (Tachykardie)
  • AV-Block II° Typ 2 oder III°
Normales EKG
Vorerkrankungen
  • Herzerkrankung, z. B. KHK (Erkrankung der Herzkranzgefäße)
  • Herzschwäche oder Herzklappenfehler
Keine Herzerkrankung
 Tipp
Niedrigrisiko-Synkope („PPP-Synkope“) 

Typisch ist eine Synkope mit:

  • Position: meist im Stehen
  • Provokation: durch einen auslösenden Reiz (z. B. Schmerz, Emotion)
  • Prodromi: z.B. Schwarzwerden vor Augen, Schwindel

Differenzialdiagnosen

KrankheitsbildWas eher dafür spricht
Epileptischer AnfallZuckungen während des Bewusstseinsverlustes, Zungenbiss, postiktale Phase, bekannte Epilepsie
HypoglykämieBekannter Diabetes mellitus, niedriger Blutzucker, Besserung nach Glukosegabe
Schädel-Hirn-TraumaKopftrauma, Bewusstlosigkeit kurz nach dem Trauma, Hirndruckzeichen
IntoxikationAlkohol- oder Drogenkonsum, Medikamente in zu hoher Dosis, Alkoholgeruch, auffällige Pupillen
SchlaganfallLähmung oder Sprachstörung, Blutdruckdifferenz von über 20 mmHg zwischen beiden Armen

Basismaßnahmen

 Info

Die folgenden Maßnahmen können Rettungssanitäter:innen im Rahmen ihrer Qualifikation grundsätzlich eigenständig durchführen. Der konkrete Umfang richtet sich nach den lokalen Vorgaben, der jeweiligen Einsatzsituation und der verfügbaren Ausstattung.

  • Angepasste Lagerung:
    • Orthostatische oder Reflexsynkope: nach Ausschluss der Kontraindikationen Schocklagerung
    • Kardiale Synkope:
      • Stabiler Kreislauf: Oberkörper erhöht
      • Instabiler Kreislauf: Flachlagerung
    • Nach Sturz mit Kopfverletzung: Flachlagerung mit manueller Stabilisierung der Halswirbelsäule (MILS)
  • Beruhigen und betreuen: die betroffene Person beruhigen, über die nächsten Schritte informieren und nicht allein lassen
  • Körperliche Gegenmanöver erwägen: bei Prodromi Händeverkrampfen, Beinüberkreuzen, Anspannen der Beinmuskulatur
  • Vitalwerte erheben: Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, EKG, Blutdruck und Blutzucker und Temperatur
  • Sauerstoffgabe: bedarfsorientierte Sauerstoffgabe bei Hypoxämie oder respiratorischer Beeinträchtigung
  • Atemwege: Kontrolle bei anhaltender Vigilanzminderung, ggf. Absaugbereitschaft
  • 12-Kanal-EKG: anlegen und schreiben. Die Befundung übernimmt das weiterbehandelnde Team
  • Begleitverletzungen: sturzbedingte Verletzungen ausschließen und ggf. versorgen, z.B. eine Platzwunde am Kopf
  • Nachfordern: bei Red Flags frühzeitig RTW und/oder NEF über die Leitstelle anfordern
  • Ggf. Wärmeerhalt: zudecken oder Rettungsdecke anlegen
 Merke

Die Therapie der Synkope im Rettungsdienst erfolgt ursachenorientiert. Zentrale Ziele sind die Sicherung der Vitalfunktionen und das frühzeitige Erkennen lebensbedrohlicher Ursachen. 

Weitere Versorgung

Die weiterführende Versorgung übernehmen Notfallsanitäter:innen und gegebenenfalls die Notärztin oder der Notarzt. Deine Rolle hängt davon ab, mit welchem Fahrzeug du im Einsatz bist:

  • Mit dem KTW zuerst vor Ort: Bis zum Eintreffen des nachgeforderten RTW führst du die Basismaßnahmen selbst durch. Danach übergibst du an die Notfallsanitäterin oder den Notfallsanitäter und bleibst als Teil des Behandlungsteams eingebunden
  • Als zweite Person auf dem RTW: Du arbeitest von Anfang an mit der Notfallsanitäterin oder dem Notfallsanitäter zusammen. Du übernimmst die Basismaßnahmen, während sie oder er die erweiterten Maßnahmen einleitet

In beiden Fällen bereitest du Maßnahmen vor, reichst benötigtes Material an, beobachtest den Zustand der betroffenen Person und führst delegierte Maßnahmen durch.

Dafür musst du die weiteren Versorgungsschritte sowie die eingesetzten Medikamente und Maßnahmen mit ihren Behandlungszielen kennen. Nur wenn du weißt, was als Nächstes kommt, kannst du es gezielt vorbereiten und im Team mitarbeiten. Auswahl, Dosierung und Applikation richten sich nach Indikation, Qualifikation, lokalen Vorgaben und Delegation. Nicht alle aufgeführten Medikamente und Maßnahmen werden bei jeder Synkope eingesetzt.

Medikament/MaßnahmeBehandlungszweckWichtige Hinweise für die Unterstützung
Vollelektrolytlösung initial 250 bis 500 ml i.v.Volumentherapie bei Verdacht auf Volumenmangel. Bei kardialer Synkope zurückhaltendMaterial für den intravenösen Zugang vorbereiten, vorgewärmte Infusion vorbereiten und entlüften. Bei Herzerkrankung auf gestaute Halsvenen und Atemnot achten
Rhythmustherapie (medikamentös, Kardioversion, transkutaner Schrittmacher)Behandlung einer Herzrhythmusstörung als Ursache der kardialen SynkopeDefibrillator mit Patches vorbereiten, EKG-Monitoring nicht unterbrechen, Kreislauf beobachten. Beim transkutanen Schrittmacher ist eine Analgosedierung notwendig, Stimulation im Demand-Modus

Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach der vermuteten Synkopenursache, dem Risikoprofil der Patient:innen sowie möglichen Begleitverletzungen. Bei kardialer Synkope ein Krankenhaus mit kardiologischer Notaufnahme und Überwachungsmöglichkeit, bei sturzbedingten Verletzungen eine Unfallchirurgie.

  • Körperliche Belastung vermeiden: Patient:innen gehen in der Regel nicht selbst zum Fahrzeug, da beim Aufstehen und Gehen eine erneute Synkope mit Sturz droht
  • Lagerung während der Fahrt:
    • Stabiler Kreislauf: mit erhöhtem Oberkörper
    • Hypotonie oder Präsynkope: flach, nach Ausschluss der Kontraindikationen mit erhöhten Beinen
    • Verdacht auf eine Verletzung der Halswirbelsäule: Halswirbelsäule bleibt immobilisiert
  • Kontinuierliches Monitoring: EKG, Blutdruck, SpO₂ und Atemfrequenz werden während des Transports überwacht
    • Besonders auf Arrhythmien achten, da sie auf eine kardiale Ursache hinweisen können
  • Verlaufsbeobachtung: Die betroffene Person während der Fahrt engmaschig beobachten, um eine Verschlechterung frühzeitig zu erkennen

Übergabe

Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema.

  • Verdacht auf Synkope klar benennen, mit vermuteter Ursache und Risikoeinschätzung
  • Dauer und Verlauf des Bewusstseinsverlustes, Prodromalsymptome und mögliche Auslöser
  • Körperposition und Tätigkeit zum Zeitpunkt der Synkope
  • Vorerkrankungen, Medikation, Familienanamnese
  • EKG-Befunde, Vitalparameterverlauf, Sturzverletzungen
  • Verabreichte Medikamente und durchgeführte Maßnahmen
  • Sauerstofftherapie
 Merke

Eine vollständige Dokumentation im Einsatzprotokoll ist die Grundlage für die Weiterbehandlung in der Klinik und dient der rechtlichen Absicherung.

Das Team erkennt an dem kurzen Bewusstseinsverlust mit rascher und vollständiger Erholung eine Synkope. Prodromi mit Schwindel, Übelkeit und Kaltschweißigkeit, das lange Stehen in der Warteschlange und die fehlende Flüssigkeitsaufnahme seit dem Vorabend sprechen für eine Niedrigrisiko-Synkope, am ehesten eine orthostatische Synkope bei Volumenmangel.

Die Patientin wird flach mit erhöhten Beinen auf der Trage gelagert. Das Monitoring wird angelegt und der Blutzucker gemessen (92 mg/dl). Kopf und Halswirbelsäule zeigen keine Verletzungszeichen. Der Rettungssanitäter legt das 12-Kanal-EKG an, die Notfallsanitäterin befundet einen Sinusrhythmus mit 98/min ohne Auffälligkeiten. Bei einer Sauerstoffsättigung von 98 % und unauffälliger Atmung erhält die Patientin keinen Sauerstoff.

Der Rettungssanitäter richtet das Material für den intravenösen Zugang und bereitet eine vorgewärmte Infusion vor. Die Notfallsanitäterin legt den intravenösen Zugang und verabreicht 250 ml Vollelektrolytlösung intravenös. Eine Rhythmustherapie ist nicht nötig, weil das EKG keine Herzrhythmusstörung zeigt.

Nach 15 Minuten liegt der Blutdruck bei 115/75 mmHg, die Herzfrequenz bei 82/min, der Schwindel ist abgeklungen. Weil es die erste Synkope der Patientin ist, erfolgt die weitere Abklärung in einer internistischen Notaufnahme. 

Die Patientin wird auf der Trage zum Fahrzeug befördert und dort flach gelagert. Während der Fahrt erfolgt eine Überwachung der Vitalparameter.

Die Übergabe erfolgt nach dem SINNHAFT-Schema und enthält unter anderem Dauer und Verlauf des Bewusstseinsverlustes, Prodromi und Auslöser, den EKG-Befund, den Vitalparameterverlauf und die verabreichte Infusion.

Definition

 Definition
Synkope

Plötzlicher, kurzzeitiger Bewusstseinsverlust mit Verlust des Muskeltonus infolge einer vorübergehenden Minderdurchblutung des gesamten Gehirns, gefolgt von einer spontanen und vollständigen Erholung.

  • Präsynkope: Vorstadium mit Schwindel, Schwarzwerden vor den Augen, Kaltschweißigkeit, ohne vollständigen Bewusstseinsverlust
  • Drei Hauptkategorien: 
    • Reflexsynkope (häufigste Form, meist günstige Prognose, Sturzverletzungen möglich)
    • Orthostatische Synkope (unzureichende Kreislaufanpassung beim Aufstehen oder Lagewechsel)
    • Kardiale Synkope (potenziell lebensbedrohlich, bei Warnzeichen rasche stationäre bzw. kardiologische Abklärung)

Ursachen

  • Reflexsynkope: Angst, Schmerz, langes Stehen; Miktion, Defäkation, Husten; Druck auf den Karotissinus
  • Orthostatische Synkope: Volumenmangel; blutdrucksenkende oder gefäßerweiternde Medikamente; Erkrankungen der Nerven
  • Kardiale Synkope: Herzrhythmusstörungen; verengte Herzklappe; Lungenarterienembolie, Aortendissektion

Pathophysiologie

  • Gemeinsamer Endmechanismus: vorübergehende Minderdurchblutung des gesamten Gehirns
  • Reflexsynkope: Fehlregulation der Kreislaufreflexe mit Vasodilatation und/oder Bradykardie
  • Orthostatische Synkope: Blut versackt beim Aufstehen in den Beinen, Gegenregulation fehlt oder Blutvolumen reicht nicht
  • Kardiale Synkope: akuter Abfall des Herzzeitvolumens durch Rhythmusstörung oder Ausflussbehinderung

Symptome

  • Leitsymptom: plötzlicher und kurzer Bewusstseinsverlust mit Verlust der Muskelspannung, rasche und vollständige Erholung von selbst, danach sofort orientiert
  • Begleitzeichen: Prodromi, Blässe, Myoklonien unter 15 Sekunden, Sturzverletzungen, Brady- oder Tachykardie
  • Abgrenzung zum Krampfanfall: verzögertes Aufklaren, Zungenbiss und postiktale Phase sprechen für den epileptischen Anfall
 Achtung
Red Flags
  • Synkope im Liegen oder unter Belastung, fehlende Prodromi
  • Palpitationen, Angina pectoris oder Dyspnoe vor der Synkope
  • Bekannte Herzerkrankung, plötzlicher Herztod in der Familie
  • Auffälliges EKG: ausgeprägte Bradykardie, AV-Block II° Typ 2 oder III°, ventrikuläre Tachykardie, Ischämiezeichen
  • Anhaltende Hypotonie
  • Verzögertes Aufklaren, fokalneurologische Defizite

Diagnostik

  • Anamnese nach SAMPLER(S): Prodromi und Auslöser, Körperposition und Belastung, Medikation, Herzerkrankungen, plötzlicher Herztod in der Familie, Flüssigkeitsaufnahme. Umstehende befragen
  • Körperliche Untersuchung: Hautkolorit, Reorientierung, Sturzverletzungen, Rekap-Zeit, Puls
  • Vitalparameter: Herzfrequenz, Blutdruck im Liegen und Stehen, SpO₂, Blutzucker. 12-Kanal-EKG anlegen und ausdrucken, die Befundung übernimmt das Team
  • Neurologische Untersuchung: Vigilanz (GCS), Orientierung, Sprache, Pupillen, Kraft und Sensibilität
  • Differenzialdiagnosen: epileptischer Anfall, Hypoglykämie, Schädel-Hirn-Trauma, Intoxikation, Schlaganfall

Therapie

  • Basismaßnahmen: Flachlagerung, ggf. mit erhöhten Beinen (bei kardialer Synkope und stabilem Kreislauf Oberkörper erhöht); nach Sturz mit Kopfverletzung Flachlagerung mit MILS; beruhigen und betreuen; Monitoring mit Blutzucker; bedarfsorientierte Sauerstoffgabe; 12-Kanal-EKG anlegen; bei Red Flags RTW und/oder NEF nachfordern; Wärmeerhalt; nicht aufstehen lassen
  • Weitere Versorgung: Vollelektrolytlösung initial 250 bis 500 ml i.v. bei Volumenmangel (bei kardialer Synkope restriktiv); Rhythmustherapie (medikamentös, Kardioversion, transkutaner Schrittmacher)

Transport und Übergabe

  • Zielklinik: nach Ursache und Risikoprofil, kardiale Synkope in eine kardiologische Notaufnahme
  • Lagerung und Monitoring: nicht selbst zum Fahrzeug gehen lassen; bei stabilem Kreislauf mit erhöhtem Oberkörper, bei Hypotonie flach mit erhöhten Beinen; Monitoring kontinuierlich
  • Übergabe nach SINNHAFT: Dauer und Verlauf des Bewusstseinsverlustes, Prodromi und Auslöser, Körperposition, EKG-Befund, Sturzverletzungen, Medikamente und Maßnahmen
Tipp

Du willst noch tiefer einsteigen? Im Artikel für Notfallsanitäter:innen findest du Pathophysiologie und Therapie ausführlicher erklärt. Die wichtigsten Artikel haben wir dir hier verlinkt. Und falls dir ein Fachbegriff nicht klar ist, hilft dir der Artikel zur Terminologie weiter.

  • Synkope (NotSan)
  • Bedrohliche Bradykardie (NotSan)
  • Akutes Koronarsyndrom (RD)
  • Krampfanfall (NotSan)
  • Hypoglykämie (NotSan)
  • Lagerung (RD)
  • Terminologie (RD)
Zuletzt aktualisiert am 21.10.2026
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