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Thoraxtrauma (RD)

penetrierendes Thoraxtrauma, Brustkorbverletzung, Thorakale Verletzung, Rippenserienfraktur
53 Minuten Lesezeit

Ein Thoraxtrauma entsteht durch stumpfe oder penetrierende Gewalteinwirkung auf den Brustkorb. Betroffen sein können Thoraxwand, Pleura, Lunge, Herz, große Gefäße, Atemwege und Zwerchfell. Schwere Verletzungen führen mitunter schnell zu Atem- oder Kreislaufversagen.

Die Untersuchung erfolgt nach dem xABCDE-Schema. Beurteilt werden vor allem Atemfrequenz, Atemmechanik, Thoraxbewegungen, Atemgeräusche, Sauerstoffsättigung und Kreislauf. 

Warnzeichen sind zunehmende Atemnot, einseitig fehlendes Atemgeräusch, Hypoxämie, paradoxe Thoraxbewegungen, Hautemphysem und Kreislaufinstabilität. Wiederholte Kontrollen sind wichtig, da sich der Zustand schnell verschlechtern kann.

Im Vordergrund stehen die Sicherung von Oxygenierung, Ventilation und Kreislauf. Zu den Maßnahmen gehören Sauerstoffgabe, Analgesie, Blutungskontrolle, Wärmeerhalt und eine angepasste Volumentherapie. Bei Bedarf wird der Atemweg gesichert. Ein vermuteter Spannungspneumothorax muss sofort entlastet werden. Offene Thoraxverletzungen werden mit einem geeigneten Ventilverband versorgt.

Schwere, penetrierende oder instabile Thoraxverletzungen benötigen einen schnellen Transport in ein geeignetes Traumazentrum. Monitoring und regelmäßige Reevaluation werden während der gesamten Versorgung fortgeführt.

Um den Einstieg in das Thema Thoraxtrauma etwas zu erleichtern, wird im Folgenden ein Fall beschrieben, wie er sich präklinisch ereignen könnte.

Das Szenario 

Einsatzmeldung:

  • Stichwort: „Verkehrsunfall PKW“
  • Ort: Bundesstraße
  • Alarmzeit: 12:53 Uhr
  • Anrufer:in: Passanten
  • Anzahl der Betroffenen: 2
  • Zusatzinfo:
    • Männlich, 57 Jahre alter Patient
    • Feuerwehr, Polizei, 2x RTW und RTH ebenfalls alarmiert

Lageeinweisung vor Ort:

Beim Eintreffen zeigt sich ein Frontalzusammenstoß zweier stark beschädigter PKW. In dem silberfarbenen Fahrzeug wird die erkrankte Person derzeit durch die Feuerwehr befreit. Eine weitere verletzte Person befindet sich bereits im RTW und wird dort von der Besatzung erstversorgt. Ihr seid mit dem NEF unterwegs und werdet beim Eintreffen vom Einsatzleiter angewiesen, die RTW-Besatzung bei der Versorgung zu unterstützen. 

Beim Betreten des RTWs ist die Lage wie folgt:

  • Der Patient ist wach und ansprechbar, aufgrund massiver Atemnot spricht er allerdings kaum
  • Er klagt über starke Schmerzen im Thorax und zunehmende Atemnot
  • Er hat ein Hämatom rechts lateral am Thorax in Höhe der 5. - 7. Rippe
  • Der Patient präsentiert sich insgesamt blass und in einem kritisch instabilen Zustand
Fallbeispiel: Thoraxtrauma (RD)

Ersteinschätzung nach xABCDE-Schema

Um sich einen ersten umfassenden Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten in einer Notfallsituation zu verschaffen, bietet sich das xABCDE-Schema an. Um die Arbeit mit dem Schema zu veranschaulichen, ist hier ein xABCDE-Schema abgebildet, wie es im Falle einer Ersteinschätzung bei einer Patientin oder einem Patienten mit einem Thoraxtrauma aussehen könnte.

Es handelt sich dabei um die Befunde, die innerhalb der ersten paar Minuten erhoben werden können. Erweiterte Diagnostik und Abfragen sind natürlich von Bedeutung, jedoch würde zum Beispiel die Anlage eines 12-Kanal-EKG in diesem Fall hinten angestellt und taucht zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf.

x

  • Keine kritischen Blutungen

 

A

  • Atemwege frei
  • Schleimhäute blass
  • Patientin spricht kaum

Akutes
A-Problem

B

  • Inspektorisch:
    • Thoraxexkursion rechtsseitig paradox
    • Hämatom Thorax rechts lateral, Höhe 5.-7. Rippe
    • Gestaute Halsvenen sichtbar
    • Regelmäßige Atmung
  • Auskultatorisch:
    • Links vesikuläres Atemgeräusch
    • Rechts deutlich abgeschwächt
  • Palpatorisch:
    • Krepitation rechts auf Höhe des Hämatoms
    • Thorax dort instabil
  • SpO2: 74 %
  • Atemfrequenz:  29/min

Akutes 
B-Problem

C

  • Hautkolorit blass
  • Rekap-Zeit: 4 Sekunden
  • Große Blutungsräume: Hämatom rechts thorakal
  • Palpation des Pulses am Handgelenk
    • Rhythmisch
    • Schwach tastbar
    • Tachykard, 137/min

Akutes
C-Problem

D

  • Wach, ansprechbar
  • GCS 15
    • Öffnen der Augen: 4
    • Beste verbale Reaktion: 5
    • Beste motorische Reaktion: 6
  • Pupillenkontrolle:
    • Isokor
    • Mittelweit
    • Lichtreagibel

Kein
D-Problem

E

  • Hämatom am Thorax rechts
  • Mehrere oberflächige Verletzungen im Gesicht und an den Extremitäten
  • Schmerzen am Thorax und an den Beinen
  • Temperatur: 37,1 °C
  • Symptome:
    • Atemnot
    • instabiler Thorax
    • Akute Schmerzen
    • Tachykardie
  • Allergien / Infektionen: Keine bekannt
  • Medikamente: Keine Dauer- oder Akutmedikation
  • Patientengeschichte: Keine Vorerkrankungen
  • Letzte Mahlzeit: Frühstück, um ca. 10:00 Uhr
  • Ereignis: Verkehrsunfall PKW
  • Risikofaktoren: Keine

Mittelbares 
E-Problem

 Achtung

Das hier gezeigte Assessment vermittelt nur einen exemplarischen ersten Eindruck von einer Patientin oder einem Patienten mit einem Thoraxtrauma. Im Verlauf der Behandlung müssen weitere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt werden. Das Schema erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen praktischen Einstieg in das Thema ermöglichen.

 Definition
Thoraxtrauma

Ein Thoraxtrauma ist eine durch äußere Gewalteinwirkung entstandene Verletzung des Brustkorbs, des Mediastinums und/oder der Lunge. Ursache kann ein stumpfes oder penetrierendes Trauma sein. 

Betroffen sein können alle Strukturen des Thorax, insbesondere Lunge, Pleura, Herz, große intrathorakale Gefäße sowie mediastinale Organe wie Trachea und Ösophagus.

Klassifikation

Nach Unfallmechanismus:

FormDefinition
Stumpfes ThoraxtraumaVerletzung durch stumpfe Gewalteinwirkung ohne Eröffnung der Thoraxwand
Penetrierendes ThoraxtraumaVerletzung durch einen eindringenden Gegenstand mit Eröffnung der Thoraxwand und möglicher Schädigung intrathorakaler Strukturen

Nach betroffener anatomischer Struktur:

  • Thoraxwand und knöcherner Thorax: Rippenfrakturen, Rippenserienfrakturen, instabile Brustwand und Sternumfrakturen
  • Pleura und Lunge: traumatischer Pneumothorax, Spannungspneumothorax, Hämatothorax, Hämatopneumothorax, Lungenkontusion und Lungenlazeration
  • Herz und Perikard: Contusio cordis, Herzruptur, traumatisches Hämoperikard und Perikardtamponade
  • Große intrathorakale Gefäße: traumatische Aortenruptur sowie Verletzungen der V. cava, A. subclavia, A. thoracica interna oder der Interkostalgefäße
  • Mediastinum und Atemwege: Verletzungen von Trachea, Bronchien, Ösophagus oder Ductus thoracicus sowie ein Mediastinalemphysem
  • Zwerchfell: traumatische Zwerchfellruptur mit möglicher Verlagerung abdomineller Organe in den Thorax

Epidemiologie

  • In Deutschland und Westeuropa entstehen über 90 % der schweren Thoraxtraumata durch stumpfe Gewalteinwirkung, meistens im Rahmen von Unfällen
  • Penetrierende Thoraxverletzungen, beispielsweise Stich- oder Schussverletzungen, sind deutlich seltener. Abhängig von den betroffenen Strukturen können sie jedoch unmittelbar lebensbedrohlich sein
  • Schwere Thoraxtraumata sind mit einer erheblichen Morbidität und Letalität verbunden. Thoraxverletzungen finden sich bei etwa der Hälfte der schwer verletzten Patient:innen und sind an bis zu 25 % der traumabedingten Todesfälle beteiligt
 Merke

Verletzungen des Thorax treten sowohl als isolierte Monoverletzungen als auch im Rahmen eines Polytraumas auf. Etwa 50 % der polytraumatisierten Patient:innen weisen ein relevantes Thoraxtrauma auf.

Häufige Ursachen

  • Verkehrsunfälle: Häufige Ursache eines Thoraxtraumas, insbesondere bei Frontal- oder Seitenaufprällen. Möglich sind Verletzungen der Brustwand, der Lunge, des Herzens, der Aorta oder des Zwerchfells
  • Stürze: Besonders Stürze aus großer Höhe können zu schweren Thoraxverletzungen wie Lungenkontusionen, Lungenlazerationen oder einem Pneumothorax führen
  • Arbeits- und Freizeitunfälle: Thoraxtraumata können beispielsweise bei Arbeits-, Sport- oder sonstigen Freizeitunfällen entstehen
  • Einklemmungs- und Quetschtraumata: Eine starke Kompression des Brustkorbs kann eine Thoraxzerquetschung und multiple intrathorakale Verletzungen verursachen
  • Körperliche Gewalt: Stich- und Schussverletzungen können den Thorax eröffnen und Lunge, Herz oder große Gefäße schädigen
  • Explosionen und Waffenwirkung: Druckwellen, Geschosse und umherfliegende Fremdkörper können stumpfe oder penetrierende Thoraxverletzungen verursachen

Wichtige Unfallmechanismen

  • Direkte stumpfe Krafteinwirkung: Ein unmittelbarer Aufprall auf den Brustkorb kann Frakturen der Rippen oder des Sternums sowie Verletzungen von Lunge und Herz verursachen
  • Kompression und Quetschung: Eine starke Kompression des Thorax kann die Brustwand schädigen und zu multiplen Verletzungen intrathorakaler Organe führen
  • Beschleunigung und Abbremsung: Plötzliche Dezelerationskräfte können insbesondere die Aorta verletzen und im schlimmsten Fall eine traumatische Aortenruptur verursachen
  • Rotation und indirekte Krafteinwirkung: Rotationskräfte treten häufig bei komplexen Unfallmechanismen auf, sind jedoch keiner spezifischen Thoraxverletzung eindeutig zugeordnet
  • Penetrierende Gewalteinwirkung: Stich- und Schussverletzungen können die Thoraxwand eröffnen und Lunge, Herz oder große Gefäße schädigen
  • Explosions- und Barotrauma: Druckwellen und starke Druckveränderungen können einen Pneumothorax oder andere intrathorakale Verletzungen verursachen
 Info

In Europa sind stumpfe Verletzungen mit etwa 90 % deutlich häufiger. Hauptursachen sind hierbei Verkehrsunfälle und Stürze.

 Merke
Reminder: Anatomische und physiologische Grundlagen

Der Thorax besteht aus Thoraxwand, Thoraxhöhle, Thoraxorganen und dem Zwerchfell.

Thoraxhöhle (Cavitas thoracis)
Thoraxhöhle (Cavitas thoracis)

Thoraxwand: 

  • Schützt die inneren Organe und ermöglicht die Atembewegungen. 
  • Sie besteht aus:
    • Haut, Unterhautgewebe, Muskeln und Faszien
    • Brustwirbelsäule, zwölf Rippenpaaren und Sternum
    • Interkostalräumen mit Muskeln, Gefäßen und Nerven
Anatomie Pleuraspalt
Anatomie Pleuraspalt

Thoraxhöhle und Thoraxorgane: 

  • Die Thoraxhöhle gliedert sich in:
    • zwei getrennte Pleurahöhlen mit den Lungen
    • das zentrale Mediastinum mit Herz, großen Gefäßen, Trachea und Ösophagus
  • Die rechte Lunge besitzt drei, die linke zwei Lappen
  • Pleura und Pleuraspalt:
    • Pleura visceralis: liegt der Lunge unmittelbar an
    • Pleura parietalis: kleidet Thoraxwand, Zwerchfell und Mediastinum aus
  • Pleuraspalt: enthält etwa 0,26 mL Flüssigkeit/kg Körpergewicht
  • Pleuralflüssigkeit und subatmosphärischer Druck koppeln die Lunge an die Thoraxwand. Dadurch bleibt sie entfaltet und folgt den Atembewegungen

Zwerchfell und Rippen:

  • Das Zwerchfell trennt Thorax und Abdomen und ist der wichtigste Inspirationsmuskel
  • Rippen I–VII: echte Rippen
  • Rippen VIII–X: falsche Rippen
  • Rippen XI–XII: freie Rippen
Rippenpaare
Rippenpaare

 

Die Pathophysiologie des Thoraxtraumas wird durch mehrere, teilweise gleichzeitig auftretende Mechanismen bestimmt:

  • Primäre Gewebeschädigung: Verletzung von Thoraxwand, Pleura, Lunge, Atemwegen, Herz, Gefäßen oder Zwerchfell
  • Störung der Atemmechanik: Schmerzen, instabile Thoraxwand oder Verlagerung abdomineller Organe → eingeschränkte Thoraxbewegung und verminderte Ventilation
  • Störung der intrathorakalen Druckverhältnisse: Luft oder Blut im Pleuraspalt → Verlust des pleuralen Unterdrucks, Lungenkompression oder Lungenkollaps
  • Störung des Gasaustauschs: verminderte belüftete Lungenfläche oder Schädigung des Lungengewebes → Hypoxämie und respiratorische Insuffizienz
  • Störung des Kreislaufs: Blutverlust, verminderter venöser Rückstrom oder direkte Herzschädigung → Abfall des Herzzeitvolumens und Kreislaufinstabilität
  • Systemische Folgen: Anhaltende Hypoxie und Kreislaufinsuffizienz → unzureichende Organperfusion, Schock und möglicherweise Kreislaufstillstand

Primäre Gewebeschädigung

Die primäre Schädigung entsteht unmittelbar durch die äußere Gewalteinwirkung. Betroffen sein können Thoraxwand, Pleura, Lunge, Atemwege, Mediastinum, Herz, große Gefäße oder das Zwerchfell.

  • Stumpfe Gewalteinwirkung: Direkter Aufprall oder Kompression des Thorax → Rippen- und Sternumfrakturen, Instabilität der Thoraxwand und mögliche Verletzung benachbarter Organe
  • Penetrierende Gewalteinwirkung: Eindringen eines Gegenstands → Eröffnung von Thoraxwand und Pleura sowie mögliche Schädigung von Lunge, Herz oder großen Gefäßen
  • Dezelerationstrauma: Plötzliche Abbremsung → hohe Zug- und Scherkräfte, insbesondere an der Aorta → mögliche traumatische Aortenverletzung
  • Zwerchfellruptur: Einriss des Zwerchfells → mögliche Verlagerung abdomineller Organe in den Thorax → Verdrängung von Lunge und Mediastinum
  • Ösophagusverletzung: Ruptur oder Perforation des thorakalen Ösophagus → Austritt von Luft und kontaminiertem Inhalt in das Mediastinum → mögliches Mediastinalemphysem und schwere Mediastinitis
Trachea, Aortenbogen und große Gefäße
Trachea, Aortenbogen und große Gefäße

Störung der Atemmechanik

Schmerzen und Verletzungen der Thoraxwand können die normale Atembewegung einschränken und eine unzureichende Belüftung der Lunge verursachen.

  • Rippenfraktur: Atemabhängige Schmerzen → Schonatmung und verminderte Atemtiefe → schmerzbedingte Hypoventilation
  • Rippenserienfraktur: Verlust der Stabilität der Thoraxwand → mögliches frei bewegliches Thoraxwandsegment
  • Instabiler Thorax: paradoxe Bewegung des instabilen Segments → während der Inspiration nach innen und während der Exspiration nach außen
  • Mögliche Folge: Eingeschränkte Atemmechanik und verminderte Ventilation → respiratorische Insuffizienz
Instabiler Thorax (Flail Chest) mit paradoxen Atembewegungen
Instabiler Thorax (Flail Chest) mit paradoxen Atembewegungen

Störung der intrathorakalen Druckverhältnisse

Normalerweise hält der Unterdruck im Pleuraspalt die Lunge entfaltet. Luft im Pleuraspalt hebt diesen Unterdruck auf. Blut im Pleuraspalt kann die Lunge komprimieren und gleichzeitig einen relevanten Blutverlust verursachen.

VerletzungPathophysiologischer MechanismusPulmonale und kardiovaskuläre Folgen
PneumothoraxLuft gelangt in den Pleuraspalt → Verlust des pleuralen UnterdrucksElastische Retraktion und Kollaps der betroffenen Lunge → verminderte Ventilation, gestörter Gasaustausch und mögliche respiratorische Insuffizienz
Offener PneumothoraxOffene Verbindung zwischen Pleuraspalt und Umgebung → ausgeprägte atemabhängige DruckschwankungenMögliche Pendelbewegung des Mediastinums und Pendelluft → zusätzliche Beeinträchtigung von Ventilation und Gasaustausch
SpannungspneumothoraxVentilmechanismus → Luft gelangt bei der Inspiration in den Pleuraspalt, kann bei der Exspiration jedoch nicht ausreichend entweichenZunehmender Lungenkollaps, Mediastinalverlagerung und Kompression der Gegenseite → verminderter venöser Rückstrom und Abfall des Herzzeitvolumens → obstruktiver Schock
HämatothoraxBlutansammlung im Pleuraspalt → Lungenkompression und relevanter innerer BlutverlustVerminderte Ventilation sowie Hypovolämie, Blutdruckabfall und möglicher hämorrhagischer Schock
HämatopneumothoraxGleichzeitige Ansammlung von Luft und Blut im PleuraspaltKombination aus Lungenkollaps, Lungenkompression, eingeschränktem Gasaustausch und Blutverlust
Pneumothorax vs. Hämatopneumothorax
Pneumothorax vs. Hämatopneumothorax
 Info

Pneumothorax, Spannungspneumothorax und Hämatopneumothorax werden in diesem Artikel nur durch das Thoraxtrauma dargestellt. Eine ausführliche Beschreibung von Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie erfolgt in den jeweiligen eigenen Artikeln.

Störung von Ventilation und Gasaustausch

Der Gasaustausch kann durch eine verminderte belüftete Lungenfläche, einen Lungenkollaps oder eine direkte Verletzung des Lungengewebes beeinträchtigt werden.

  • Pneumothorax: Verlust des pleuralen Unterdrucks → Lungenkollaps und verminderte Ventilation
  • Hämatothorax: Kompression der Lunge durch Blut → Abnahme der belüfteten Lungenfläche
  • Lungenkontusion: Verletzung des Lungenparenchyms → eingeschränkte Ventilation und gestörter Gasaustausch
  • Lungenlazeration: Riss des Lungengewebes → mögliches Auftreten von intraparenchymaler Luft, Pneumothorax oder Hämatothorax
  • Mögliche Folgen: Hypoventilation und gestörter Gasaustausch → Hypoxämie und respiratorische Insuffizienz
Pneumothorax mit Kompressionsatelektase
Pneumothorax mit Kompressionsatelektase

Störung des Kreislaufs

Thoraxverletzungen können den Kreislauf durch Blutverlust, eine Behinderung des venösen Rückstroms oder eine direkte Schädigung des Herzens beeinträchtigen.

  • Spannungspneumothorax: Steigender intrathorakaler Druck → Kompression der großen Gefäße → verminderter venöser Rückstrom → Abfall des Herzzeitvolumens → obstruktiver Schock
  • Hämatothorax: Relevanter Blutverlust in den Pleuraspalt → Hypovolämie → hämorrhagischer Schock
  • Contusio cordis: Myokardschädigung → mögliche Herzrhythmusstörungen, Myokardischämie oder Herzinsuffizienz → möglicher kardiogener Schock
  • Penetrierende Herzverletzung: Blutung in den Perikardraum → Hämoperikard und Perikardtamponade → eingeschränkte Herzfüllung und vermindertes Herzzeitvolumen → obstruktiver Schock
  • Traumatische Aortenruptur: Zerreißung der Gefäßwand → massive intrathorakale Blutung → hämorrhagischer Schock

Systemische Folgen

Die respiratorischen und kardiovaskulären Störungen können gleichzeitig auftreten und einander verstärken.

  • Hypoventilation und gestörter Gasaustausch → Hypoxämie und respiratorische Insuffizienz
  • Hypoxämie oder vermindertes Herzzeitvolumen → unzureichende Sauerstoffversorgung des Gewebes und mögliche Hypoxie
  • Blutverlust oder verminderter venöser Rückstrom → Abfall des Herzzeitvolumens und unzureichende Organperfusion
  • Anhaltende respiratorische oder kardiovaskuläre Insuffizienz → Schock und möglicherweise Kreislaufstillstand
Pathophysiologische Folgen eines Thoraxtraumas
Pathophysiologische Folgen eines Thoraxtraumas
 Merke
Zusammenfassung: Die kritischen Probleme bei einem Thoraxtrauma 
  • Respiratorische Insuffizienz durch:
    • Eingeschränkte Atemtätigkeit
    • Verletzung der Atemwege
    • Verletzung der Lunge
  • Kreislaufversagen / Schock durch:
    • Blutverlust
    • Spannungspneumothorax
    • Perikardtamponade

Typische Zeichen

 Merke

Leitsymptom: Dyspnoe und ggf. Zyanose als Ausdruck der respiratorischen Beeinträchtigung

  • Hämatome, Prellmarken als Hinweis auf mögliche Frakturen oder Organverletzungen
  • Sichtbare Stich‑, Schuss‑ oder Pfählungsverletzungen im Thoraxbereich
  • Tachypnoe als kompensatorisches Zeichen bei Hypoxie
  • Hypoxie, häufig trotz Sauerstoffgabe
  • Thorakale Schmerzen, oft atemabhängig
  • Abgeschwächtes Atemgeräusch als Hinweis auf (Spannungs‑)Pneumothorax
  • Obere Einflussstauung, z.B. bei Spannungspneumothorax oder Herzbeuteltamponade
  • Hautemphysem, tastbares Krepitieren bei Verletzung luftleitender Strukturen
  • Stridor oder Heiserkeit bei Verletzungen des Kehlkopfs oder der oberen Atemwege
  • Tachykardie und Hypotonie als Zeichen beginnender Schocksymptomatik
  • Paradoxe Atmung bei instabiler Thoraxwand
  • Querschnittssymptomatik bei begleitender Wirbelsäulenverletzung
Instabiler Thorax (Flail Chest) mit paradoxen Atembewegungen
Instabiler Thorax (Flail Chest) mit paradoxen Atembewegungen
 Tipp
An abdominale Beteiligung denken!

Bauchschmerzen und Abwehrspannung können auf eine Beteiligung des Abdomens hinweisen, insbesondere bei Frakturen der 5. bis 12. Rippe, da hier das Risiko für Verletzungen intraabdomineller Organe wie Leber, Milz oder Zwerchfell besteht.

Generalisierte Zeichen

  • Typische Begleitverletzungen nach Trauma, z.B. Schürfwunden oder Prellungen
  • Vegetative Symptome:
    • Übelkeit
    • Erbrechen
    • Angst und Panik
    • Zittern
    • Schwitzen
 Achtung
„Red Flags“
  • Abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch
  • Zyanose
  • Hämodynamische Instabilität
  • Vigilanzminderung
  • Paradoxe Atmung
  • Penetrierende Verletzungen

Anamnese

  • S (Symptome): Dyspnoe, atemabhängige Thoraxschmerzen, Husten oder Hämoptysen erfragen. Auf Tachypnoe, asymmetrische Thoraxbewegungen, paradoxe Atmung und abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch achten
    • Stumpfes Thoraxtrauma: Prellmarken, Hämatome, Gurtzeichen, Schürfwunden, Druckschmerzen oder Thoraxdeformitäten erfassen
    • Penetrierendes Thoraxtrauma: Stich-, Schuss- oder Pfählungsverletzungen, Ein- und Austrittswunden sowie Blutungen erfassen
    • Warnzeichen: Zunehmende Atemnot, Zyanose, SpO₂-Abfall, fehlendes Atemgeräusch, Hautemphysem, Kreislaufinstabilität oder obere Einflussstauung
  • A (Allergien): Medikamentenallergien und bekannte schwere allergische Reaktionen erfragen
  • M (Medikation): Dauermedikation sowie Zeitpunkt und Dosis der letzten Einnahme erfassen. Besonders relevant sind Antikoagulanzien und Thrombozytenaggregationshemmer
  • P (Patientengeschichte): Pulmonale und kardiale Vorerkrankungen, Gerinnungsstörungen, frühere Thoraxverletzungen oder Operationen erfragen
  • L (Letzte …): Zeitpunkt, Art und Menge der letzten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme erfragen → relevant für eine mögliche Narkoseeinleitung
  • E (Ereignis): Zeitpunkt und Mechanismus des Traumas erfassen. Relevant sind stumpfe oder penetrierende Gewalteinwirkung, Aufprallgeschwindigkeit, Seitenaufprall, Einklemmung, Sturzhöhe sowie Explosionen
  • R (Risiko): Antikoagulation, Gerinnungsstörung, höheres Lebensalter, kardio­pulmonale Vorerkrankungen und Hochenergietrauma berücksichtigen
  • S (Schwangerschaft): Bestehende oder mögliche Schwangerschaft und Schwangerschaftswoche erfragen. Schwangerschaft bei Lagerung, Medikamentengabe und Wahl der Zielklinik berücksichtigen;
 Tipp
Nutze Schemata

Um die Anamnese strukturiert durchzuführen, bietet es sich an, Schemata wie das SAMPLERS oder OPQRST-Schema zu nutzen. Am obigen Beispiel haben wir Fragen und Befunde dargestellt, die bei dem Verdacht auf ein Thoraxtrauma abgefragt werden sollten und vorliegen könnten.

Körperliche Untersuchung

 Info

Die körperliche Untersuchung entspricht grundsätzlich dem Vorgehen bei polytraumatisierten Patient:innen. In diesem Abschnitt wird ausschließlich auf die orientierende Untersuchung des Thorax und häufige Verletzungsmuster eingegangen. Weitere Informationen findest du im Artikel: Polytrauma (RD).

Inspektion:

BereichInspektionsschwerpunkteMögliche Hinweise auf
Allgemeiner EindruckAtemnot, Unruhe, Zyanose, Blässe, Kaltschweißigkeit, Schonhaltung und erhöhte AtemarbeitRespiratorische Insuffizienz, Hypoxämie oder Schock
Hals und ThoraxeingangSchwellungen, Hämatome, offene Verletzungen, Tracheallage und gestaute HalsvenenHalsweichteil-, Gefäß- oder Mediastinalverletzung; bei schwerer respiratorischer oder zirkulatorischer Störung möglicher Spannungspneumothorax oder Perikardtamponade
ThoraxwandHämatome, Prell- und Gurtmarken, Abschürfungen, Stich- oder Schusswunden, Fremdkörper und BlutungenStumpfes oder penetrierendes Thoraxtrauma sowie mögliche Fraktur oder offene Thoraxverletzung
Thoraxform und SymmetrieEinziehungen, Vorwölbungen, Deformitäten, asymmetrische Thoraxhälften und sichtbare InstabilitätThoraxwandverletzung, Rippenserienfraktur oder instabiler Thorax
AtemexkursionenAtemfrequenz, Atemtiefe und Atemrhythmus sowie Seitengleichheit der ThoraxbewegungenEinseitige Ventilationsstörung, beispielsweise bei Pneumothorax, Hämatothorax oder Lungenkontusion
Paradoxe ThoraxbewegungInstabiles Segment bewegt sich bei der Inspiration nach innen und bei der Exspiration nach außenInstabiler Thorax beziehungsweise Flail Chest
Offene ThoraxverletzungThoraxwanddefekt, sichtbare Wunde, Ein- und Austrittsstellen, Luftbewegung sowie schaumig-blutiges WundsekretOffener Pneumothorax oder penetrierende intrathorakale Verletzung
Haut und UnterhautSichtbare oder zunehmende Schwellung und HautveränderungenMögliches Hautemphysem bei Verletzung von Lunge, Trachea oder Bronchien sowie bei Pneumothorax oder Pneumomediastinum
Präkordiale und sternale RegionPrellmarken, Hämatome oder penetrierende Wunden über Sternum und HerzregionMögliche Verletzung von Sternum, Herz, Perikard oder mediastinalen Strukturen
Rücken und dorsaler ThoraxHämatome, Prellmarken, offene Wunden, Deformitäten und asymmetrische AtembewegungenDorsale Rippen-, Wirbelsäulen-, Pleura- oder Lungenverletzung
Abdomen und FlankenGurt- und Prellmarken, Distension, offene Verletzungen oder BlutungenBegleitendes thorakoabdominelles Trauma mit möglicher Zwerchfell- oder Organverletzung
 Achtung

Unauffällige Inspektionsbefunde schließen eine schwere intrathorakale Verletzung nicht aus. Hautemphysem und knöcherne Instabilität werden durch die anschließende Palpation beurteilt.

 Tipp

Hämatome im Thoraxbereich sind wichtige äußerlich sichtbare Hinweise auf mögliche schwerwiegende, tieferliegende Verletzungen.

Palpation:

  • Thoraxstabilität: vorsichtig auf abnorme Beweglichkeit prüfen → möglicher Hinweis auf Rippenserienfraktur oder instabilen Thorax
  • Druckschmerz: lokaler Schmerz über Rippen oder Sternum → möglicher Hinweis auf Fraktur oder Thoraxwandverletzung
  • Krepitationen: tastbares Knochenreiben spricht für eine Fraktur; oberflächliches Knistern für ein Hautemphysem
  • Hautemphysem: weiche, knisternde Schwellung → Luft in der Subkutis, beispielsweise bei Pneumothorax oder Atemwegsverletzung
  • Atemexkursionen: asymmetrische Thoraxbewegung → mögliche einseitige Ventilationsstörung, beispielsweise bei Pneumothorax, Hämatothorax oder Lungenkontusion

Perkussion:

  • Hypersonorer Klopfschall: Kann auf einen Pneumothorax hinweisen → häufig mit abgeschwächtem Atemgeräusch und Dyspnoe
  • Gedämpfter Klopfschall: Kann für einen Hämatothorax oder Flüssigkeit im Pleuraspalt sprechen → häufig mit abgeschwächtem Atemgeräusch und gegebenenfalls Schockzeichen

Auskultation:

  • Einseitig abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch: Möglicher Hinweis auf Pneumothorax oder Hämatothorax
  • Abgeschwächtes Atemgeräusch und hypersonorer Klopfschall: Spricht für einen Pneumothorax → bei zusätzlicher schwerer Atem- oder Kreislaufstörung an einen Spannungspneumothorax denken
  • Abgeschwächtes Atemgeräusch und gedämpfter Klopfschall: Spricht für einen Hämatothorax oder Hämatopneumothorax
 Tipp

Bei intubierten Patient:innen muss bei einem einseitig abgeschwächten oder fehlenden Atemgeräusch zunächst die korrekte Tubuslage kontrolliert werden.

Hidden Six

Als „Hidden Six“ werden sechs Thoraxverletzungen bezeichnet, die präklinisch leicht übersehen werden können. Besonders bei einem passenden Unfallmechanismus sowie einer anhaltenden oder zunehmenden respiratorischen und/oder hämodynamischen Verschlechterung sollten sie differenzialdiagnostisch berücksichtigt werden.

VerletzungPräklinische Relevanz
Zwerchfellruptur
  • Bei passendem Unfallmechanismus und Dyspnoe mitbedenken
  • Atmung und Kreislauf wiederholt beurteilen, Oxygenierung und Ventilation nach Bedarf sichern und zügig in ein Traumazentrum transportieren
Tracheobronchiale Verletzung
  • Haut- oder Mediastinalemphysem, blutiges Trachealsekret, einseitige Minderbelüftung und persistierende Ventilationsprobleme sind Warnzeichen
  • Atemweg und Oxygenierung sichern, eine Tubusfehllage ausschließen und einen Spannungspneumothorax sofort entlasten
Herzkontusion
  • Nach relevantem stumpfem Thoraxtrauma mitbedenken
  • Mögliche Folgen sind Rhythmusstörungen, Myokardischämie, Herzinsuffizienz und kardiogener Schock
  • EKG und Kreislauf kontinuierlich überwachen 
Lungenkontusion/-lazeration
  • Respiratorische Insuffizienz, Blutung und Hämatothorax sind mögliche Folgen
  • Atemfrequenz, Thoraxexkursionen, Atemgeräusch und SpO₂ wiederholt kontrollieren
  • Sauerstoffgabe und Beatmung erfolgen nach Bedarf
Ösophagusverletzung
  • Selten und präklinisch schwer zu erkennen
  • Bei passendem Trauma mit retrosternalen Schmerzen, Dyspnoe oder Haut- beziehungsweise Mediastinalemphysem mitbedenken
  • Vitalfunktionen stabilisieren, frühzeitig anmelden und zügig in eine geeignete Klinik transportieren
  • Hochletal durch Mediastinitis
Aortenruptur
  • Nach Hochrasanz- oder Dezelerationstrauma bei starken thorakalen Schmerzen oder hämorrhagischem Schock mitbedenken
  • Versorgung nach xABCDE, kontinuierliche Kreislaufüberwachung und unverzüglicher Transport in ein geeignetes Traumazentrum
 Info

Da sich die Hidden Six präklinisch häufig nicht eindeutig erkennen lassen, stehen der Unfallmechanismus, wiederholte Kontrollen von Atmung und Kreislauf sowie die sofortige Behandlung lebensbedrohlicher Begleitverletzungen im Vordergrund. Anschließend ist ein zügiger Transport in eine geeignete Traumaklinik entscheidend.

Vitalparameter

ParameterTypischer Befund Pathophysiologischer Hintergrund
Herzfrequenz
  • Initial häufig Tachykardie
  • Bei Contusio cordis mögliche Herzrhythmusstörungen
  • Bradykardie im präterminalen Stadium möglich
  • Schmerzen, Stress, Blutverlust oder vermindertes Herzzeitvolumen → Sympathikusaktivierung
  • Myokardschädigung → Reizbildungs- oder Reizleitungsstörung
Blutdruck
  • Initial möglicherweise normwertig
  • Bei schwerem Trauma Hypotonie bis zum Schock
  • Hämatothorax oder Gefäßverletzung → Blutverlust → hämorrhagischer Schock
  • Spannungspneumothorax → venöser Rückstrom↓ → Herzzeitvolumen↓ → obstruktiver Schock
Atemfrequenz und Atemmuster
  • Tachypnoe, Dyspnoe oder flache Atmung
  • Bei instabilem Thorax paradoxe Atmung
  • Bei schwerer respiratorischer Insuffizienz Hypoventilation oder Apnoe
  • Schmerzen und Thoraxinstabilität → eingeschränkte Atemmechanik
  • Pneumothorax, Hämatothorax oder Lungenkontusion → Ventilation und Gasaustausch ↓
Körpertemperatur
  • Keine thoraxtraumaspezifische Veränderung
  • Bei schwerem Trauma oder Polytrauma Hypothermie möglich
  • Wärmeverlust und Schock → Körpertemperatur ↓
  • Hypothermie begünstigt die traumainduzierte Koagulopathie
Sauerstoffsättigung
  • Initial möglicherweise normwertig
  • Bei relevanter Verletzung Abfall der SpO₂ und Hypoxämie möglich
Hypoventilation, Lungenkollaps, Blut im Pleuraspalt oder Lungenkontusion → gestörter Gasaustausch
Blutzucker
  • Keine thoraxtraumaspezifische Veränderung
  • Bei Bewusstseinsstörung Messung erforderlich
Abweichungen sind unspezifisch → insbesondere eine Hypoglykämie kann selbst eine Bewusstseinsstörung verursachen
 Achtung
An kontinuierliche Reevaluation denken

Wenn die erkrankte Person nach der Ersteinschätzung als „stabil“ eingestuft wird, muss dieser Zustand aktiv aufrechterhalten und regelmäßig neu bewertet werden. Eine klinische Verschlechterung kann jederzeit eintreten. Dabei sollte insbesondere an folgende potenziell lebensbedrohliche Entwicklungen gedacht werden:

  • Zunehmender Pneumothorax, der sich zu einem Spannungspneumothorax entwickelt
  • Initial unauffällige Perikardtamponade, die symptomatisch wird
  • Schleichende Blutungen mit Übergang in einen hämorrhagischen Schock
  • Respiratorische Erschöpfung bei kombinierter Belastung durch gesteigerte Atemarbeit und Kreislaufinstabilität

Orientierende neurologische Untersuchung

  • Vigilanz: Beurteilung der Bewusstseinslage, beispielsweise mittels GCS, sowie Erfassung von Unruhe, Verwirrtheit, Somnolenz, Sopor oder Koma → Bewusstseinsstörungen sind bei einem Thoraxtrauma ein Warnzeichen und können auf Hypoxämie, Schock oder Begleitverletzungen hinweisen
  • Mögliche neurologische Auffälligkeiten beim Thoraxtrauma:
    • Hypoxämie: Unzureichende Oxygenierung → Unruhe, Verwirrtheit und zunehmende Vigilanzminderung
    • Schock: Verminderte zerebrale Perfusion bei hämorrhagischem oder obstruktivem Schock → Bewusstseinsstörung bis zur Bewusstlosigkeit
    • Begleitendes SHT: Auf Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Amnesie, Krampfanfälle, Pupillenauffälligkeiten und fokal-neurologische Defizite achten
    • Wirbelsäulen- oder Rückenmarkverletzung: Motorik und Sensibilität beidseits prüfen sowie auf Paresen, Parästhesien, Reflexveränderungen und Hinweise auf ein Querschnittsyndrom achten

Weiterführende apparative Diagnostik

  • 12-Kanal-EKG: Beurteilung von Herzfrequenz, Herzrhythmus, Erregungsleitung und Repolarisation → insbesondere bei stumpfem Thoraxtrauma, Verdacht auf Contusio cordis, Herzrhythmusstörungen oder Kreislaufinstabilität
    • Sinustachykardie: unspezifischer Befund, beispielsweise bei Schmerzen, Stress, Hypoxämie, Blutverlust oder Schock
    • Herzrhythmus- und Reizleitungsstörungen: Extrasystolen, Tachyarrhythmien, Bradykardien oder Leitungsstörungen können bei einer traumatischen Myokardschädigung auftreten, sind jedoch nicht beweisend
    • Repolarisationsstörungen: ST-Strecken- oder T-Wellen-Veränderungen können bei einer Contusio cordis auftreten, sind jedoch nicht spezifisch
  • POCUS/eFAST: Ergänzende fokussierte Sonografie erwägen
    • Thorakale Komplikationen: Untersuchung auf Pneumothorax, Hämatothorax, Perikarderguss oder Perikardtamponade
    • Abdominelle Begleitverletzungen: Untersuchung auf freie intraabdominelle oder pelvine Flüssigkeit als möglichen Hinweis auf eine Blutung
Pneumothorax im M-Mode
Barcode-Sign bei Pneumothorax
RegionVerletzungSymptome
Verletzungen des BrustkorbsRippenfraktur / Rippenserienfraktur
  • Atemabhängiger Schmerz
  • Druckschmerz, Krepitation
  • Schonatmung
  • Paradoxe Atmung (bei Rippenserienfraktur)
  • Lokales Hämatom / Prellung über der frakturierten Region
Sternumfraktur
  • Retrosternaler Schmerz
  • Druckschmerz
  • Atemabhängige Beschwerden
  • Hämatom im Sternumbereich möglich
Verletzungen des MediastinumsContusio cordis (Herzprellung)
  • Retrosternaler Schmerz
  • Tachykardie, Arrhythmien
  • Hypotonie
  • Evtl. Hämatom über dem Sternum oder präkordial
Aortenruptur
  • Zeichen eines hämorrhagischen Schocks
  • Blutdruck- und/oder Pulsdifferenz
Perikardtamponade
  • Tachykardie
  • Hypotonie
  • Gestaute Halsvenen
  • Blässe
  • Dyspnoe  
Verletzungen der LungePneumothorax
  • Dyspnoe
  • Hypersonorer Klopfschall auf der betroffenen Seite
  • Akuter Thoraxschmerz → plötzlicher Beginn, atemabhängig, stechend und auf der betroffenen Seite zu lokalisieren
  • Ggf. Tachykardie
  • Ggf. Hypotonie
Spannungspneumothorax
  • Dyspnoe, Zyanose
  • Gestaute Halsvenen
  • Abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch auf der betroffenen Seite
  • Akuter Thoraxschmerz → plötzlicher Beginn, atemabhängig, stechend und auf der betroffenen Seite zu lokalisieren
  • Tachykardie
  • Hypotonie
  • Hautemphysem
  • Hypersonorer Klopfschall auf der betroffenen Seite
Hämatothorax
  • Dyspnoe
  • Gedämpftes/fehlendes Atemgeräusch
  • Hyposnorer Klopfschall
  • Hypotonie
  • Tachykardie
  • Ggf. Hämatom bei Gefäß- oder Rippenverletzung
 Achtung

Viele dieser Symptome sind unspezifisch und überschneiden sich. Eine strukturierte präklinische Untersuchung mit Fokus auf Atemmechanik, Thoraxexkursion, Auskultation und Kreislaufstatus ist essenziell für die frühzeitige Erkennung lebensbedrohlicher Thoraxverletzungen.

 Info

Die dargestellten Maßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD) und werden durch weitere spezifische, leitliniengerechte Maßnahmen ergänzt, um eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen sicherzustellen.

 Merke

Das übergeordnete Ziel der Versorgung eines Thoraxtraumas ist die Sicherstellung einer suffizienten Oxygenierung und Ventilation sowie die Verhinderung einer Kreislaufdekompensation. Eine kontinuierliche Reevaluation ist essenziell, da sich der Zustand jederzeit verschlechtern kann (z.B. durch Spannungspneumothorax, Perikardtamponade, Blutverlust)

Basismaßnahmen

  • Lagerung: Bei stabilem Kreislauf atemerleichternde Oberkörperhochlagerung erwägen. Bei Schock oder erforderlicher Wirbelsäulenimmobilisation achsengerecht lagern
  • Sauerstoffgabe: Hypoxämie vermeiden und Sauerstoff bedarfsgerecht mit dem Ziel einer Normoxämie verabreichen
  • Angepasstes Atemwegsmanagement: Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Bewusstseinsstörung
  • Wundversorgung: Äußere Blutungen kontrollieren und einen offenen Pneumothorax mit einem geeigneten Ventilverband versorgen. Eingedrungene Fremdkörper belassen und stabilisieren
  • Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Herzfrequenz, Blutdruck, SpO₂ und Atemfrequenz. Bei Beatmung zusätzlich Kapnografie und Beatmungsdruck kontrollieren
  • Venöser Zugang: Großlumigen intravenösen oder bei Bedarf intraossären Zugang anlegen
  • HWS und Immobilisation: Bei entsprechendem Unfallmechanismus oder klinischem Verdacht Wirbelsäule achsengerecht stabilisieren und unnötige Bewegungen vermeiden
  • Verlaufskontrolle: Auf zunehmende Dyspnoe, SpO₂-Abfall, einseitig fehlendes Atemgeräusch, steigenden Beatmungsdruck, Hautemphysem, Hypotonie oder andere Schockzeichen achten
  • Wärmeerhalt und Transport: Auskühlung vermeiden und den zeitnahen Transport in eine geeignete Zielklinik organisieren
 Tipp
Wundverband mit Ventilfunktion
Thoraxpflaster mit Ventilfunktion

Im präklinischen Bereich werden normalerweise spezielle kommerzielle Thoraxpflaster mit Ventilfunktion zur Versorgung offener Thoraxverletzungen, vorgehalten und eingesetzt.

Eigenschaften:

  • Einwegpflaster mit integrierter Ventilfunktion (z.B. 1-, 3-Kammer-Ventile oder Hydrogel-Ventile)
  • Selbstklebend, luftdicht, teils transparent
  • Hohe Klebkraft ermöglicht sicheres Anbringen
  • Schnelle Anwendung auch unter schwierigen Bedingungen
 Merke

Ziel bei der Versorgung offener Thoraxverletzungen ist es, die weitere Luftaspiration in den Pleuraspalt zu verhindern.

Wichtig bei der Versorgung offener Thoraxverletzungen ist, dass weiterhin Luft aus dem Pleuraspalt entweichen kann. Wird die Wunde luftdicht verschlossen, ohne eine Ventilfunktion zu ermöglichen, besteht die Gefahr, dass sich ein Spannungspneumothorax entwickelt

Spezifische Maßnahmen

Triangle of Safety
Punktionshöhen beim (Spannungs-)Pneumothorax
  • Thoraxentlastung: Einen klinisch vermuteten Spannungspneumothorax unverzüglich dekomprimieren. Hierzu sind 2 Verfahren geeignet:
    • Nadeldekompression
    • Minithorakotomie
  • Analgesie: Eine frühzeitige, suffiziente Analgesie entsprechend der Schmerzintensität durchführen, z.B. mit Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg oder Analgosedierung mit Esketamin 0,125-025 mg/kgKG i.v + Midazolam 1-2 mg i.v.  → Schonatmung und schmerzbedingte Hypoventilation vermeiden
  • Volumenmanagement: Angepasste Volumensubstitution mittels VEL mit dem Ziel der Normotonie. Bei nicht beherrschbaren Blutungen → permissive Hypotension (Ziel RRsyst. ~80 mmHg oder MAD ~65 mmHg)
  • Narkose und Atemwegssicherung: Bei entsprechender Indikation, insbesondere zunehmender respiratorischer Insuffizienz, fehlenden Schutzreflexen oder Aspirationsgefahr, Einleitung einer Rapid Sequence Induction (RSI) mit anschließender endotrachealer Intubation
  • Katecholamingabe: Bei anhaltender Hypotonie trotz ausreichender Volumentherapie und Blutungskontrolle gegebenenfalls Katecholamine, z.B. Noradrenalin 0,1–1 μg/kgKG/min i.v zur Kreislaufstabilisierung einsetzen
  • Tranexamsäure (TXA): Bei einer unkontrollierbaren Blutung oder polytraumatisierten Patient:innen frühzeitige Verabreichung von Tranexamsäure 1 g i.v. über 10 Minuten als Kurzinfusion
 Info
Abgeklemmte Thoraxdrainage links
Abgeklemmte Thoraxdrainage links
Indikationen für die Anlage einer Thoraxdrainage
  • Spannungspneumothorax: Nach der sofortigen Notfallentlastung sollte der Pleuraspalt chirurgisch eröffnet und ggf. eine Thoraxdrainage angelegt werden
  • Pneumothorax unter Überdruckbeatmung: Aufgrund des erhöhten Risikos einer Spannungssituation sollte eine Entlastung erfolgen
  • Klinisch relevanter oder progredienter Pneumothorax: Insbesondere bei zunehmender Dyspnoe, Hypoxämie oder Vergrößerung
  • Klinisch relevanter oder progredienter Hämatothorax: Zur Entlastung der Lunge und Ableitung des Blutes
  • Hämatopneumothorax: Bei relevanter Luft- und Blutansammlung im Pleuraspalt
  • Offener Pneumothorax: Zunächst Versorgung mit einem Ventilverband → anschließend definitive Versorgung mit Thoraxdrainage erwägen
 Achtung

Die Lunge entfaltet sich nach einer Nadeldekompression häufig nicht vollständig, da lediglich Luft aus dem Pleuraspalt entweichen kann. Der physiologische Unterdruck wird hierdurch nicht wiederhergestellt. Daher können das Atemgeräusch und die Ventilation der betroffenen Seite trotz klinischer Besserung weiterhin abgeschwächt sein.

 Merke

Die Nadeldekompression ist eine vorläufige Entlastungsmaßnahme. Anschließend sollte der Pleuraspalt chirurgisch eröffnet und je nach Situation eine Thoraxdrainage angelegt werden.

Kinder und geriatrische Patient:innen 

Thoraxtraumata zeigen je nach Alter der betroffenen Person teils erhebliche Unterschiede in Anatomie, Physiologie und klinischem Verlauf. Kinder und geriatrische Patient:innen weisen charakteristische Besonderheiten auf, die bei der Diagnostik und Therapie berücksichtigt werden müssen. 

Die folgende Tabelle bietet einen strukturierten Überblick über diese Unterschiede und hebt deren diagnostisch-therapeutische Relevanz hervor. Sie soll eine gezielte, altersangepasste Versorgung im präklinischen wie klinischen Kontext unterstützen.

Besonderheiten bei Kindern:

BesonderheitDiagnostische/therapeutische Relevanz
AnatomieKleiner Brustkorb
  • Bei Anlage einer Thoraxdrainage:
    • Kleinere Tubus- und Drainagengrößen erforderlich (etwa „kleinfingerdick“)
    • Weniger Eindringtiefe
    • Gleiche Insertionsstellen (Monaldi oder Bülau)
Elastische Rippen
  • Seltener Frakturen
  • Frakturen als Hinweis auf starke Gewalteinwirkung
  • Häufig Lungenkontusion auch ohne Frakturen
Unreifes Lungengerüst und Lungenparenchym
  • Höheres Risiko für Lungenverletzung durch stumpfe Gewalt
  • Gefahr eines Barotraumas bei Beatmung (Lungenprotektive Beatmung obligat)
Geringe Weichteilabdeckung
  • Weniger Schutz der Organe und knöchernden Strukturen bei Anpralltrauma
  • Rascher Wärmeverlust
PhysiologieHöhere Atemfrequenz, geringes Atemzugvolumen
  • Rasche Hypoxie bei Atemstörung
Geringe respiratorische Reserve
  • Frühzeitge Sicherstellung von Oxygenierung und Ventilation
Gute Kreislaufkompensation
  • Gefahr des “stabilen” Eindrucks mit plötzlicher Dekompensation
Altersabhängige Normwerte
  • Immer altersangepasste Vitalwerte beachten
  • Hilfsmittel verwenden

Besonderheiten bei geriatrischen Patient:innen:

BesonderheitDiagnostische/therapeutische Relevanz
AnatomieStarre, ggf. osteoporotische RippenHäufig Frakturen auch bei Bagatelltraumata
Gealtertes Lungengerüst und Lungenparenchym
  • Höheres Risiko für Lungenverletzung durch stumpfe Gewalt
  • Gefahr eines Barotraumas bei Beatmung (Lungenprotektive Beatmung obligat)
Abnehmende Muskelmasse
  • Weniger Schutz der Organe und knöchernden Strukturen bei Anpralltrauma
  • Rascher Wärmeverlust
PhysiologieEingeschränkte Organfunktion
  • Rasche Hypoxie bei Atemstörung
  • Bei Blutverlust rasche Kreislaufdekompensation möglich
Begleitmedikation (z.B. β-Blocker, Antikoagulanzien)
  • Ggf. keine kompensatorische Tachykardie
  • Verstärkte / prolongierte Blutungen
Unsichere Mobilität
  • Häufiger Sturzmechanismus als Traumaursache (auch Bagatelltraumata)
Multimorbidität
  • Gezielte geriatrische Anamnese erheben

Zielkrankenhaus

Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach Verletzungsschwere und Verlauf, respiratorischer und hämodynamischer Stabilität, Unfallmechanismus sowie möglichen Begleitverletzungen.

  • Leichte isolierte Thoraxverletzung: Bei stabilen Vitalfunktionen und ohne Hinweise auf eine relevante intrathorakale Verletzung Transport in eine Notaufnahme mit Möglichkeit zur Bildgebung und klinischen Überwachung
  • Relevantes, aber stabilisiertes Thoraxtrauma: Transport in eine Klinik mit sofort verfügbarer Diagnostik, Schockraum sowie intensivmedizinischer Behandlungsmöglichkeit
  • Schweres oder instabiles Thoraxtrauma: Bei respiratorischer oder hämodynamischer Instabilität Transport in ein geeignetes Traumazentrum mit Möglichkeit zur sofortigen operativen oder interventionellen Versorgung
  • Herz-, Gefäß- oder komplexe Thoraxverletzung: Möglichst Transport in ein entsprechend ausgestattetes überregionales Traumazentrum
  • Penetrierendes Thoraxtrauma: Schnellstmöglicher Transport in das nächstgelegene geeignete Traumazentrum
  • Lange Transportstrecke oder instabile Patient:innen: Ist ein spezialisiertes Traumazentrum nicht rechtzeitig erreichbar, zunächst Transport in das nächstgelegene geeignete Krankenhaus zur Stabilisierung und lebensrettenden Sofortversorgung; anschließend gegebenenfalls Sekundärverlegung
 Merke

Bei einem schweren Thoraxtrauma sollte unter Berücksichtigung der einsatztaktischen Bedingungen insbesondere der Einsatz der Luftrettung erwogen werden.

Transportbegleitende Maßnahmen

  • Monitoring: EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, SpO₂ und Atemfrequenz kontinuierlich überwachen. Atemmechanik und Atemgeräusche regelmäßig kontrollieren
  • Lagerung: Bei stabilem Kreislauf atemerleichternde Oberkörperhochlagerung. Bei Schock oder notwendiger Wirbelsäulenimmobilisation achsengerechte Rückenlage
  • Sauerstofftherapie: Hypoxämie vermeiden und Sauerstoff bedarfsgerecht mit dem Ziel einer Normoxämie verabreichen
  • Beatmung: Normoventilation anstreben sowie etCO₂ und Beatmungsdruck kontinuierlich überwachen. Bei zunehmendem Beatmungsdruck, SpO₂-Abfall oder einseitig fehlendem Atemgeräusch an einen Spannungspneumothorax denken
  • Narkose und Analgesie: Ausreichende Narkosetiefe und Analgesie sicherstellen
  • Kreislauftherapie: Blutungen kontrollieren und Volumentherapie an Kreislaufzustand, Blutverlust und Begleitverletzungen anpassen. Bei aktiver Blutung ohne SHT gegebenenfalls permissive Hypotonie 
  • Verlaufskontrolle: Auf zunehmende Dyspnoe, asymmetrische Atembewegungen, SpO₂-Abfall, Hautemphysem, Hypotonie oder andere Schockzeichen achten
  • Wärmeerhalt: Auskühlung vermeiden und möglichst normale Körpertemperatur erhalten

Übergabe in der Klinik

  • Strukturierte Übergabe nach einem standardisierten Schema, etwa SINNHAFT oder ISOBAR
  • Relevante Informationen:
    • Zeitpunkt und Mechanismus des Traumas: stumpfe oder penetrierende Gewalteinwirkung, Aufprallgeschwindigkeit, Seitenaufprall, Einklemmung, Sturzhöhe oder Explosion
    • Initiale und aktuelle Vitalparameter: Atemfrequenz, SpO₂, Herzfrequenz, Blutdruck und gegebenenfalls etCO₂ einschließlich Verlauf
    • Thoraxbefunde: Atemmechanik, Seitendifferenz der Atemgeräusche, Druckschmerz, Instabilität, Hautemphysem, offene Wunden oder paradoxe Thoraxbewegung
    • Verdachtsdiagnosen: Pneumothorax, Spannungspneumothorax, Hämatothorax, Lungenkontusion, instabiler Thorax sowie mögliche Herz-, Gefäß- oder Atemwegsverletzung
    • Begleitverletzungen: neurologischer Befund, GCS, HWS-, Wirbelsäulen-, Abdominal- oder Beckenverletzungen
    • Vorerkrankungen und Medikation: insbesondere kardiale oder pulmonale Erkrankungen, Gerinnungsstörungen, Antikoagulation und Thrombozytenaggregationshemmung
    • Durchgeführte Maßnahmen: Sauerstoffgabe, Atemwegssicherung, Thoraxentlastung, Beatmung, Analgesie, Volumen- oder Medikamentengabe einschließlich Wirkung
  • Hochrisikopatient:innen: Bei respiratorischer oder hämodynamischer Instabilität, Spannungspneumothorax, massivem Hämatothorax, penetrierendem Trauma oder Verdacht auf Herz- oder Gefäßverletzung frühzeitig Schockraum vorinformieren

Definition

 Definition
Thoraxtrauma

Ein Thoraxtrauma ist eine durch äußere Gewalteinwirkung entstandene Verletzung des Brustkorbs, des Mediastinums und/oder der Lunge. Ursache kann ein stumpfes oder penetrierendes Trauma sein. 

Betroffen sein können alle Strukturen des Thorax, insbesondere Lunge, Pleura, Herz, große intrathorakale Gefäße sowie mediastinale Organe wie Trachea und Ösophagus.

FormDefinition
Stumpfes ThoraxtraumaVerletzung durch stumpfe Gewalteinwirkung ohne Eröffnung der Thoraxwand
Penetrierendes ThoraxtraumaVerletzung durch einen eindringenden Gegenstand mit Eröffnung der Thoraxwand und möglicher Schädigung intrathorakaler Strukturen

Ursachen

  • Verkehrsunfälle: Häufige Ursache eines Thoraxtraumas, insbesondere bei Frontal- oder Seitenaufprällen. Möglich sind Verletzungen der Brustwand, der Lunge, des Herzens, der Aorta oder des Zwerchfells
  • Stürze: Besonders Stürze aus großer Höhe können zu schweren Thoraxverletzungen wie Lungenkontusionen, Lungenlazerationen oder einem Pneumothorax führen
  • Arbeits- und Freizeitunfälle: Thoraxtraumata können beispielsweise bei Arbeits-, Sport- oder sonstigen Freizeitunfällen entstehen
  • Einklemmungs- und Quetschtraumata: Eine starke Kompression des Brustkorbs kann eine Thoraxzerquetschung und multiple intrathorakale Verletzungen verursachen
  • Körperliche Gewalt: Stich- und Schussverletzungen können den Thorax eröffnen und Lunge, Herz oder große Gefäße schädigen
  • Explosionen und Waffenwirkung: Druckwellen, Geschosse und umherfliegende Fremdkörper können stumpfe oder penetrierende Thoraxverletzungen verursachen

Pathophysiologie

Die Pathophysiologie des Thoraxtraumas wird durch mehrere, teilweise gleichzeitig auftretende Mechanismen bestimmt:

  • Primäre Gewebeschädigung: Verletzung von Thoraxwand, Pleura, Lunge, Atemwegen, Herz, Gefäßen oder Zwerchfell
  • Störung der Atemmechanik: Schmerzen, instabile Thoraxwand oder Verlagerung abdomineller Organe → eingeschränkte Thoraxbewegung und verminderte Ventilation
  • Störung der intrathorakalen Druckverhältnisse: Luft oder Blut im Pleuraspalt → Verlust des pleuralen Unterdrucks, Lungenkompression oder Lungenkollaps
  • Störung des Gasaustauschs: verminderte belüftete Lungenfläche oder Schädigung des Lungengewebes → Hypoxämie und respiratorische Insuffizienz
  • Störung des Kreislaufs: Blutverlust, verminderter venöser Rückstrom oder direkte Herzschädigung → Abfall des Herzzeitvolumens und Kreislaufinstabilität
  • Systemische Folgen: Anhaltende Hypoxie und Kreislaufinsuffizienz → unzureichende Organperfusion, Schock und möglicherweise Kreislaufstillstand
Pathophysiologische Folgen eines Thoraxtraumas
Pathophysiologische Folgen eines Thoraxtraumas

Klinischer Eindruck

 Merke

Leitsymptom: Dyspnoe und ggf. Zyanose als Ausdruck der respiratorischen Beeinträchtigung

  • Hämatome, Prellmarken als Hinweis auf mögliche Frakturen oder Organverletzungen
  • Sichtbare Stich‑, Schuss‑ oder Pfählungsverletzungen im Thoraxbereich
  • Tachypnoe als kompensatorisches Zeichen bei Hypoxie
  • Hypoxie, häufig trotz Sauerstoffgabe
  • Thorakale Schmerzen, oft atemabhängig
  • Abgeschwächtes Atemgeräusch als Hinweis auf (Spannungs‑)Pneumothorax
  • Obere Einflussstauung, z.B. bei Spannungspneumothorax oder Herzbeuteltamponade
  • Hautemphysem, tastbares Krepitieren bei Verletzung luftleitender Strukturen
  • Stridor oder Heiserkeit bei Verletzungen des Kehlkopfs oder der oberen Atemwege
  • Tachykardie und Hypotonie als Zeichen beginnender Schocksymptomatik
  • Paradoxe Atmung bei instabiler Thoraxwand
  • Querschnittssymptomatik bei begleitender Wirbelsäulenverletzung

Diagnostik

Inspektion:

BereichInspektionsschwerpunkteMögliche Hinweise auf
Allgemeiner EindruckAtemnot, Unruhe, Zyanose, Blässe, Kaltschweißigkeit, Schonhaltung und erhöhte AtemarbeitRespiratorische Insuffizienz, Hypoxämie oder Schock
Hals und ThoraxeingangSchwellungen, Hämatome, offene Verletzungen, Tracheallage und gestaute HalsvenenHalsweichteil-, Gefäß- oder Mediastinalverletzung; bei schwerer respiratorischer oder zirkulatorischer Störung möglicher Spannungspneumothorax oder Perikardtamponade
ThoraxwandHämatome, Prell- und Gurtmarken, Abschürfungen, Stich- oder Schusswunden, Fremdkörper und BlutungenStumpfes oder penetrierendes Thoraxtrauma sowie mögliche Fraktur oder offene Thoraxverletzung
Thoraxform und SymmetrieEinziehungen, Vorwölbungen, Deformitäten, asymmetrische Thoraxhälften und sichtbare InstabilitätThoraxwandverletzung, Rippenserienfraktur oder instabiler Thorax
AtemexkursionenAtemfrequenz, Atemtiefe und Atemrhythmus sowie Seitengleichheit der ThoraxbewegungenEinseitige Ventilationsstörung, beispielsweise bei Pneumothorax, Hämatothorax oder Lungenkontusion
Paradoxe ThoraxbewegungInstabiles Segment bewegt sich bei der Inspiration nach innen und bei der Exspiration nach außenInstabiler Thorax beziehungsweise Flail Chest
Offene ThoraxverletzungThoraxwanddefekt, sichtbare Wunde, Ein- und Austrittsstellen, Luftbewegung sowie schaumig-blutiges WundsekretOffener Pneumothorax oder penetrierende intrathorakale Verletzung
Haut und UnterhautSichtbare oder zunehmende Schwellung und HautveränderungenMögliches Hautemphysem bei Verletzung von Lunge, Trachea oder Bronchien sowie bei Pneumothorax oder Pneumomediastinum
Präkordiale und sternale RegionPrellmarken, Hämatome oder penetrierende Wunden über Sternum und HerzregionMögliche Verletzung von Sternum, Herz, Perikard oder mediastinalen Strukturen
Rücken und dorsaler ThoraxHämatome, Prellmarken, offene Wunden, Deformitäten und asymmetrische AtembewegungenDorsale Rippen-, Wirbelsäulen-, Pleura- oder Lungenverletzung
Abdomen und FlankenGurt- und Prellmarken, Distension, offene Verletzungen oder BlutungenBegleitendes thorakoabdominelles Trauma mit möglicher Zwerchfell- oder Organverletzung

Palpation:

  • Thoraxstabilität: vorsichtig auf abnorme Beweglichkeit prüfen → möglicher Hinweis auf Rippenserienfraktur oder instabilen Thorax
  • Druckschmerz: lokaler Schmerz über Rippen oder Sternum → möglicher Hinweis auf Fraktur oder Thoraxwandverletzung
  • Krepitationen: tastbares Knochenreiben spricht für eine Fraktur; oberflächliches Knistern für ein Hautemphysem
  • Hautemphysem: weiche, knisternde Schwellung → Luft in der Subkutis, beispielsweise bei Pneumothorax oder Atemwegsverletzung
  • Atemexkursionen: asymmetrische Thoraxbewegung → mögliche einseitige Ventilationsstörung, beispielsweise bei Pneumothorax, Hämatothorax oder Lungenkontusion

Perkussion:

  • Hypersonorer Klopfschall: Kann auf einen Pneumothorax hinweisen → häufig mit abgeschwächtem Atemgeräusch und Dyspnoe
  • Gedämpfter Klopfschall: Kann für einen Hämatothorax oder Flüssigkeit im Pleuraspalt sprechen → häufig mit abgeschwächtem Atemgeräusch und gegebenenfalls Schockzeichen

Auskultation:

  • Einseitig abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch: Möglicher Hinweis auf Pneumothorax oder Hämatothorax
  • Abgeschwächtes Atemgeräusch und hypersonorer Klopfschall: Spricht für einen Pneumothorax → bei zusätzlicher schwerer Atem- oder Kreislaufstörung an einen Spannungspneumothorax denken
  • Abgeschwächtes Atemgeräusch und gedämpfter Klopfschall: Spricht für einen Hämatothorax oder Hämatopneumothorax

Therapie

Basismaßnahmen:

  • Lagerung: Bei stabilem Kreislauf atemerleichternde Oberkörperhochlagerung erwägen. Bei Schock oder erforderlicher Wirbelsäulenimmobilisation achsengerecht lagern
  • Sauerstoffgabe: Hypoxämie vermeiden und Sauerstoff bedarfsgerecht mit dem Ziel einer Normoxämie verabreichen
  • Angepasstes Atemwegsmanagement: Sicherung und regelmäßige Kontrolle der Atemwege bei Vigilanzminderung oder Bewusstseinsstörung
  • Wundversorgung: Äußere Blutungen kontrollieren und einen offenen Pneumothorax mit einem geeigneten Ventilverband versorgen. Eingedrungene Fremdkörper belassen und stabilisieren
  • Monitoring: Kontinuierliche Überwachung von EKG, Herzfrequenz, Blutdruck, SpO₂ und Atemfrequenz. Bei Beatmung zusätzlich Kapnografie und Beatmungsdruck kontrollieren
  • Venöser Zugang: Großlumigen intravenösen oder bei Bedarf intraossären Zugang anlegen
  • HWS und Immobilisation: Bei entsprechendem Unfallmechanismus oder klinischem Verdacht Wirbelsäule achsengerecht stabilisieren und unnötige Bewegungen vermeiden
  • Verlaufskontrolle: Auf zunehmende Dyspnoe, SpO₂-Abfall, einseitig fehlendes Atemgeräusch, steigenden Beatmungsdruck, Hautemphysem, Hypotonie oder andere Schockzeichen achten
  • Wärmeerhalt und Transport: Auskühlung vermeiden und den zeitnahen Transport in eine geeignete Zielklinik organisieren

Spezifische Maßnahmen:

Triangle of Safety
Punktionshöhen beim (Spannungs-)Pneumothorax
  • Thoraxentlastung: Einen klinisch vermuteten Spannungspneumothorax unverzüglich dekomprimieren. Hierzu sind 2 Verfahren geeignet:
    • Nadeldekompression
    • Minithorakotomie
  • Analgesie: Eine frühzeitige, suffiziente Analgesie entsprechend der Schmerzintensität durchführen, z.B. mit Fentanyl 0,05 mg i.v. titriert bis gewünschte Wirkung, max. Dosis: 0,2 mg oder Analgosedierung mit Esketamin 0,125-025 mg/kgKG i.v + Midazolam 1-2 mg i.v.  → Schonatmung und schmerzbedingte Hypoventilation vermeiden
  • Volumenmanagement: Angepasste Volumensubstitution mittels VEL mit dem Ziel der Normotonie. Bei nicht beherrschbaren Blutungen → permissive Hypotension (Ziel RRsyst. ~80 mmHg oder MAD ~65 mmHg)
  • Narkose und Atemwegssicherung: Bei entsprechender Indikation, insbesondere zunehmender respiratorischer Insuffizienz, fehlenden Schutzreflexen oder Aspirationsgefahr, Einleitung einer Rapid Sequence Induction (RSI) mit anschließender endotrachealer Intubation
  • Katecholamingabe: Bei anhaltender Hypotonie trotz ausreichender Volumentherapie und Blutungskontrolle gegebenenfalls Katecholamine, z.B. Noradrenalin 0,1–1 μg/kgKG/min i.v zur Kreislaufstabilisierung einsetzen
  • Tranexamsäure (TXA): Bei einer unkontrollierbaren Blutung oder polytraumatisierten Patient:innen frühzeitige Verabreichung von Tranexamsäure 1 g i.v. über 10 Minuten als Kurzinfusion

Besondere Situationen

Thoraxtraumata zeigen je nach Alter der betroffenen Person teils erhebliche Unterschiede in Anatomie, Physiologie und klinischem Verlauf. Kinder und geriatrische Patient:innen weisen charakteristische Besonderheiten auf, die bei der Diagnostik und Therapie berücksichtigt werden müssen. 

Transport

Die Wahl des Zielkrankenhauses richtet sich nach Verletzungsschwere und Verlauf, respiratorischer und hämodynamischer Stabilität, Unfallmechanismus sowie möglichen Begleitverletzungen.

  • Leichte isolierte Thoraxverletzung: Bei stabilen Vitalfunktionen und ohne Hinweise auf eine relevante intrathorakale Verletzung Transport in eine Notaufnahme mit Möglichkeit zur Bildgebung und klinischen Überwachung
  • Relevantes, aber stabilisiertes Thoraxtrauma: Transport in eine Klinik mit sofort verfügbarer Diagnostik, Schockraum sowie intensivmedizinischer Behandlungsmöglichkeit
  • Schweres oder instabiles Thoraxtrauma: Bei respiratorischer oder hämodynamischer Instabilität Transport in ein geeignetes Traumazentrum mit Möglichkeit zur sofortigen operativen oder interventionellen Versorgung
  • Herz-, Gefäß- oder komplexe Thoraxverletzung: Möglichst Transport in ein entsprechend ausgestattetes überregionales Traumazentrum
  • Penetrierendes Thoraxtrauma: Schnellstmöglicher Transport in das nächstgelegene geeignete Traumazentrum
  • Lange Transportstrecke oder instabile Patient:innen: Ist ein spezialisiertes Traumazentrum nicht rechtzeitig erreichbar, zunächst Transport in das nächstgelegene geeignete Krankenhaus zur Stabilisierung und lebensrettenden Sofortversorgung; anschließend gegebenenfalls Sekundärverlegung
 Tipp

Wenn ihr mehr Informationen und weitere therapeutische Maßnahmen erfahren möchtet, empfehlen wir euch die verlinkten Artikel aus dem klinischen Bereich.

  • Schockraum
  • Leitsymptom Husten
  • Leitsymptom Thoraxschmerz
Zuletzt aktualisiert am 05.09.2026
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